Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Dejabu (Déja-vu)

Zeitschrift „Tomo“, Iwanami Hall (10. 7. 1999, Sommerausgabe), 2-3.


Scan 223 Kopie

Die japanische Version besitze ich nicht mehr. Ein deutsches Manuskript konnte ich aus einer alten Nisus-Datei retten:

Déja-vu

“Am 3. April um 15 Uhr habe ich Dich mit Frau Takano in der Iwanami-Hall verabredet”, lautete die e-mail meiner Freundin Miori in Tokyo. Miori ist schon fast so etwas wie mein verlängertes Selbst: Sie hilft mir, wann immer ich Hilfe brauche, sie vertritt mich nicht nur virtuell oder per Telefon, notfalls auch ganz persönlich: z.B. 1996, als ich durch einen irregeleiteten Brief von Ozaki-sensei fast im Nachhinein erfuhr, dass mir der Yamamoto-Yasue-Preis verliehen worden war, und es zeitlich völlig unmöglich war, selbst an der Preisverleihung teilzunehmen. Trotzdem denke ich, ich wäre dabei gewesen und hätte das alles selbst erlebt, weil Miori mir von diesem Ereignis später in einer ausführlichen mail berichtete.

Zu den Mitteilungen gehörte auch, dass sie bei der Preisverleihung Frau Etsuko Takano kennengelernt habe: eine agile, engagierte, intelligente, selbstbewusste Frau, Managerin der Iwanami Hall, deren Lebensgeschichte und Enthusiasmus so beeindruckend sind, dass ich sie unbedingt kennenlernen müsse.

Ich wusste damals zwar noch nicht, was ich mit dem Preis tun würde – der war zunächst Sicherheit für irgendetwas, was noch kommen sollte-, aber ich wusste: ich hatte eine Verabredung in Tokyo mit einer Noch-Unbekannten.

Ende März 1998 war es endlich soweit. Um die Ausstellung “Ogai und Goethe” vorzubereiten, saß ich nach nunmehr drei Jahren wieder in einem Flugzeug nach Japan. Neben mir meine noch nicht ganz zwölfjährige Tochter. Als das Flugzeug landete, konnte sie das Kribbeln im Bauch nicht mehr aushalten und flüsterte: “Mama, ich kann es nicht fassen, dass du mich mitgenommen hast und dass ich jetzt mit dir hier bin, ureshiii!” (ein paar Brocken Japanisch konnte ich ihr unterwegs noch vermitteln).

Nein, ich konnte es auch nicht fassen und meine Gedanken wanderten zurück, zurück zu der Zeit von 1979 bis 81 als ich auf Einladung des japanischen Mombusho an der Waseda-Uni studierte – nun ja, wir wollen nicht übertreiben, ähnlich wie Gorki es in “Meine Universitäten” beschreibt, habe ich in dieser Zeit wohl mehr praktisch gelernt als durch Bücher oder Vorlesungen, vor allem indem ich täglich mindestens zwei Theatervorstellungen besuchte. Die Aussichten, später jemals wieder in dieses ferne und mir doch so vertraute Land zu kommen, waren äußerst gering und so wollte ich alles kennenlernen und mitnehmen, was sich mir nur bot. Zum Lesen würde ich für den Rest meines Lebens zu Hause Zeit haben.

Ein Grund, weswegen ich damals als erste postgraduale Studentin aus der DDR nach Japan entsandt wurde, war, außer dass alle anderen Bewerberinnen gerade schwanger waren, weil mein Mann nebst Sohn zu Hause auf mich warteten, d.h. die Familie war so eine Art Geisel, der Garant dafür, dass ich nach 1,5 Jahren Studium auch artig in mein Land zurückkehrte und keine allzu große Dummheiten beging. (Eine Annahme, die es schon aus Trotz zu widerlegen galt…)
Damals war nicht einmal daran zu denken, Besuch von einem Familienmitglied in Japan zu erhalten, geschweige denn, gemeinsam zu reisen! Nicht nur, weil wir das falsche Geld hatten, auch aus sogenannten “Sicherheitsgründen” war allein der Gedanke daran suspekt. Ich hatte unterschrieben, ich würde auf dem schnellsten und direktesten Wege heimkehren, es Heimaturlaub nur im Todesfall eines nahen Angehörigen gäbe und ich alle Post über die Botschaft zu versenden hätte, außer Postkarten mit Mitteilungen über das Wetter u.a. Belanglosigkeiten. Also erfand ich die “allgemeinen” Briefe, die von offizieller Seite mitgelesen werden durften, die winzig bekritzelten Postkarten, auf denen soviel stand, wie sonst in einem zweiseitigen Brief, und die Herzensbriefe, wenn ich die Möglichkeit hatte, sie jemandem persönlich mitzugeben, der nach Berlin flog. Das waren die Briefe, die an meinen Mann und an meine Freunde gerichtet waren und die nicht von “Sicherheitsbeamten” mitgelesen werden sollten.

Etwa alle zwei Wochen versammelten sich damals unsere Freunde bei uns zu Hause und dann wurde aus den Japan-Briefen vorgelesen – natürlich ohne die intimen Absätze. Gestern habe ich einmal geblättert in dem alten Ordner, in dem ich all diese Briefe aus der Zeit meines intensiven Doppellebens abgeheftet habe. Ich habe noch immer nicht den Mut (und die Muße) sie alle wieder zu lesen, doch musste ich erstaunt feststellen, dss Briefe mit 42 oder 67 Seiten keine Seltenheit waren. Das ist ja schon fast Ogaiisch, dachte ich: tagsüber leben oder arbeiten und nachts (zu Hause) schreiben. Sicherlich eine natürliche Reaktion, denn die Zerrissenheit, aus der diese Briefe geboren wurden, trug auch ogaiische Züge: ich gehörte damals trotz aller Einschränkungen zu den wenigen Glücklichen und Privilegierten aus meinem Land, welche die engen Grenzen ihres Landes überwinden durften und es sogar bis Japan geschafft haben. Das bedeutete Verpflichtung in mehrfacher Hinsicht: 1. intensiv leben, alles ausprobieren, 2. andere, die zu Hause ausharren mussten, an dem Erlebten unbedingt teilhaben lassen, 3. sich nichts zu Schulden kommen lassen, damit die Nachfolger (kohais) auch ihre Chance bekommen und der sensible diplomatische Kontakt nach Japan nicht wegen irgendwelcher Dummheiten gestört wird, womöglich eine neue Eiszeit eintritt! Wahrlich, ein Widerspruch in sich. Ohne ein gewisses Maß von Persönlichkeitsspaltung, also Jackyll-and-Heyde-Dasein gar nicht lebbar.

Es war, als lebte ich einen Traum. Zwar war alles, was ich tat, real und tief empfunden, und doch war es nur ein Intermezzo an fremdem Ort. Mein Körper war in Japan, aber meine Wirklichkeit war dort, wohin ich unwiderruflich nach 1,5 Jahren zurückkehren würde. Und meine Wirklichkeit verfolgte mich auch in Japan auf Schritt und Tritt. Ich versuchte sie so gut es geht abzustreifen und in das Leben in Japan einzutauchen, meine neue Freiheit zu genießen. Wann immer es gelang (und alles in mir drängte dorthin), war der Preis hoch, als wäre ich meinem Land und wem sonst noch alles untreu geworden: Ich hatte ein schlechtes Gewissen, und um das nicht ständig ertragen zu müssen, habe ich mit dem Gefühl, verbotene Früchte genascht zu haben, nach meiner Rückkehr in die Heimat auch den Geschmack der Früchte verdrängt.

Das wurde mir schon klar, als ich mich am 3. April mit Ozaki-sensei ( Herausgeber von Higeki/kigeki, Mitglied des Rates der Yamamoto-Y.-Stiftung) in einem Cafe in Shibuya wieder traf. Er ertappte mich, denn ich konnte mich zunächst nicht mehr an “hot-cake” erinnern. Hatte ich es völlig vergessen, wie so manch anderes, was ich meinte nie wiederzusehen? Nachdem zumindest meine Zunge sich wieder erinnerte, fuhren wir zur Iwanami-Hall. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich bis zu diesem Moment die Erwartung hatte, die Iwanami-Hall sei so eine große Mehrzweckhalle mit Kunstausstellungen, einem Theatersaal und anderen interessanten Events, die bestimmt erst nach meiner Zeit gebaut worden ist, wie Bunka-mura in Shibuya o.a. Ich hatte mir darüber keinen Kopf gemacht, denn ich war ja gespannt auf eine tolle, ungewöhnliche japanische Frau, die Seele der Iwanami-Hall, die Verpackung war mir egal.

Doch als wir uns der Hall näherten, fing es an zu dämmern: Hier warst du doch schon…??? Deja vu, woran erinnert mich dieser Ort? Warum spüre ich hier eine Mischung aus Triumpf und schlechtem Gewissen? Film… hier muß ein Kino sein, aber nicht so eins, wo die Hollywood-Schinken oder Karate-Filme laufen. Ich erinnerte mich an eine etwas bedrückende, unergründliche Stimmung… ich hab’s! “Solaris” von Tarkowski – ein Film den ich bis heute wahrscheinlich nicht richtig verstanden habe, aber an dessen Stimmung ich mich deutlich erinnere. Diese erste Begegnung mit einer anderen Dimension hatte eine Faszination so völlig anders und engagierter als die, die heute über das Fernsehen mit “Akte X”, “Mystery” u.a. vermittelt wird.

War es wirklich “Solaris”? In meiner Erinnerung verbindet sich die Iwanami-Hall mit den drei Filmen “Solaris”, “Mann aus Marmor” und “Mann aus Eisen”. Als ich diese Zeilen schrieb, glaubte ich zuweilen schizophren zu sein. Laut Chronik der Iwanami-Hall und meinen brieflichen Berichten kann ich zu jenem Zeitpunkt nämlich nur den “Mann aus Marmor” gesehen haben. “Solaris” lief bereits 1977, also vor meiner Zeit. Dennoch habe ich ihn in Japan zum zweiten Mal gesehen, diesmal auf Russisch. Und wann habe ich den “Mann aus Eisen” gesehen? Etwa kurz vor dem Fall der Berliner Mauer, als es mir gelang für Ogai-Recherchen ein Visum für Westberlin zu erhalten – wieder so eine Jekyll-and Hyde-Zeit – in der ich mir nach den Stunden in der Bibliothek alle sonst unzugänglichen Filme, Ausstellungen und Theateraufführungen ansah?

In meiner Erinnerung sind alle drei Filme auf den Moment in der Iwanami-Hall konzentriert. Lag es an der intensiven Spannung der Filme, dem Hauch des Verbotenen, Heimweh, war es Opposition gegenüber dem japanischen Alltag? Ich sehe mich in dem dunklen Zuschauerraum sitzen. Die Neugier und der Drang, für andere mitzuschauen, kämpft mit dem Bewusstsein, etwas Verbotenes zu tun. Ja, der “Mann aus Marmor” war bei uns zu Hause verboten. Es war die Zeit der polnischen “Solidarnoc”-Gewerkschaftsbewegung. Die Grenze nach Polen war undurchlässiger geworden und an eine Aufarbeitung der Stalinzeit war bei uns nicht zu denken.

Was zog mich an diesen Ort? Aus meinen Briefen aus demJapan jener Zeit spricht immer wieder die tiefe Beunruhigung über den Einfluss der Massenmedien auf das menschliche Empfinden. Ich war neugierig und schockiert zugleich. In den “normalen” Kinos hatte ich brutale Filme gesehen. Ich war entsetzt, wie abgebrüht die japanischen Kinder schon waren, die gemütlich ihr Eis weiter aßen, während ich vor Schrecken ständig wegschaute. Abends im Fernsehen ging es dann weiter: “Frankenstein”, Horrorfilme mit Würmerplagen und Monstern, glibbrigen Toten. Ich hatte Alpträume, schließlich kam ich aus einer relativ behüteten Welt. In meinen Briefen steht immer wieder die Frage: Was wird aus uns, wenn wir ständig diesen Einflüssen ausgesetzt sind? Werden wir aggressiver? Ist irgendwann diese phantastische Welt für uns real und die Wirklichkeit öde, unerträglich? Wohin führt diese ständige Flucht in Scheinwelten? Macht das abhängig?

Ich war sehr besorgt und unruhig damals. Umso mehr sehnte ich mich nach der Begegnung mit Kunstwerken, die mir halfen, meine Geschichte, meine Gegenwart zu erhellen, die Zeit in der ich lebe begreifbar und ertragbar zu machen. Und so muss ich auf meiner Suche in “Pia” auf den “Mann aus Marmor” gestoßen sein. Eine Mischung aus Heimweh nach Osteuropa, von dem meine Heimatstadt nur einen Fluss breit entfernt ist, nach dem Mut der Gewerkschafter von Solidarnoc und nach filmischer Wahrhaftigkeit trieben mich regelrecht in die Iwanami-Hall. Ich weiß heute nicht mehr, wie oft ich insgesamt dort war. Ich weiß nur noch, dass dieser eine Kinobesuch durch meinen Begleiter besonders erschwert war: Unsere Botschaft hatte zwei neue Praktikanten bekommen. Einer von ihnen wich mir nicht von der Seite. Er machte mir Komplimente, dass ich mich in der Tokioter Kulturszene so gut auskenne und bat mich, ihn doch mal mitzunehmen. Ständig rief er an. Ich ahnte, dass man ihn auf mich angesetzt hatte, weil ich ansonsten schwer zu kontrollieren war (genau werde ich es nie wissen – diese Japan-Akten waren nach der Wende unauffindbar, landeten im Reißwolf bei der ersten Erstürmung der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße…) Was sollte ich tun? Meine Freunde sollte er nicht kennenlernen, also musste ich ab und zu nachgeben.

Den “Mann aus Marmor” wollte ich unbedingt sehen, also tat ich naiv und lud ihn zu einem “sozialistischen Film aus dem befreundeten Polen von einem international renommierten Regisseur” ein. Da saß ich nun also neben meinem Bewacher, von dem ich mir vielleicht sogar einen kompetenteren Gesprächspartner erhofft hatte als meine japanischen Freunde, denen meine häusliche Welt doch recht fern und klischeehaft war. Womit ich außerdem nicht gerechnet hatte, war, wie verwöhnt ich eigentlich war: In der DDR waren alle ausländischen Filme synchronisiert. Nun saß ich da mit meinem bissl Abendschul-Polnisch, das gerade zum Einkaufen in der nun polnischen väterlichen Hälfte meiner Heimatstadt Guben reichte. Mir fehlte einfach eine Dimension, die Sprache, die bis dahin selbstverständlich war. Dennoch verstand ich von dem nahezu dreistündigen Film so viel, dass ich tief ergriffen war. Ich bin Jahrgang 1954. An die Stalinzeit habe ich keine Erinnerung. In dem Film erfuhr ich erstmalig, was sich abgespielt hatte, als ich noch im Kinderwagen geschoben wurde. Ich war erschüttert. Ich schrieb an meine Freunde, wie sehr ich diese ehrliche Auseinandersetzung mit der Stalinzeit in Polen bewundere, ich nun viel besser verstehe, warum bestimmte Dinge bei uns so sind, wie sie sind, und wir uns nach meiner Rückkehr unbedingt mehr auf diese unserer Wurzeln konzentrieren müssten.

Weiter heißt es in dem Brief: “Ich war mit dem lästigen Kerl von der Botschaft dort. Mein Bewacher blieb völlig ungerührt. Nach der Vorstellung sagte er: ‘Ich glaube, solche Filme brauchen bei uns zu Hause nicht gezeigt werden. Wozu die alten Geschichten wieder aufwärmen?’ – seine Gegenwart bewies mir das Gegenteil. Ein echtes Kind der Stalinzeit, das Konflikte durch Reglementierungen lösen möchte.”

Manchmal fällt die Verständigung unter Fremden leichter. Man begegnet sich mit Respekt, Offenheit und dem Wunsch, mehr über den anderen zu erfahren, während man manchen Landsleuten gegenüber hinter hohen inneren Mauern in Deckung geht, Freunde ausgenommen.

In Takano-san entdeckte ich beides sofort, die Freundin und die respektvolle Fremde, die ehrlich interessiert ist. Als Takano-san ins Sitzungszimmer trat mit einem Tuch und einer Haarfrisur, die irgendwie russisch wirkten, nein, ihre Erscheinung war in diesem Moment eher eine reizvolle Mischung aus bester russischer Intelligenzia und französischer Eleganz (die Japanerin nahm ich zunächst gar nicht wahr), da wusste ich, dass man Konflikte aushalten kann, da spürte ich eine Weisheit, der all die Konflikte unseres heutigen Lebens bewusst sind und die nahezu trotzig versucht, etwas zu bewahren an Bewusstheit und Zukunft, mit den Mitteln des engagierten Films, fernab vom Konsumrausch.

In gewisser Weise verließ ich diesen Ort geheilt: In der Iwanami-Hall hatte ich einst begriffen, welche schon zwanzig Jahre zurückliegenden Vorfälle mich damals als junge Studentin prägten. Inzwischen sind wieder zwanzig Jahre vergangen, die Kinder sind fast erwachsen und ich war an diesen Ort zurückgekommen, um mich wiederum von einer Zeit meines Lebens zu verabschieden, über die die Geschichte seit dem Fall der Berliner Mauer inzwischen längst ihr Urteil gesprochen hatte.
Was sich als ängstlich-beklemmendes Gefühl über all die Jahre gehalten hatte, ist nach der kurzen, aber intensiven Wiederbegegnung mit diesem Ort und mit Takano-san eine Aufgabe geworden: sich für das, was man für wichtig hält, einzusetzen und es unter allen Umständen zu bewahren – es muss ja nicht mit den Mitteln des Films sein.

Bleibt an dieser Stelle nur zu hoffen, daß sich wieder mehr deutsche Filmemacher finden, die etwas zu sagen haben, die sich Gehör und Aufmerksamkeit verschaffen und es verdienen, in das anspruchsvolle Programm der Iwanami-Hall aufgenommen zu werden. Wie wäre es mit “Lola rennt” – stammt nämlich auch von einem ehemaligen Ostler und macht neugierig auf das Wunder “Leben” mit all seinen Zufällen und der Gleichzeitigkeit verschiedenster Konflikte?!

Beate Weber, 1998


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