Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Ôgai als Geist in ‘Mitte’ von Norman Ohler

WEBER, Beate: “Ôgai als Geist in ‘Mitte’ von Norman Ohler”, The Journal of Humanities, Meiji University, Vol. 10, March 25, 2004, 26–40.

Ôgai als Geist in ”Mitte” von Norman Ohler

(Norman Ohler: „Mitte”, Berlin, Rowohlt 2001, 255 Seiten)

Im August 1995 besuchte ein junger, hagerer Mann die Berliner Mori-Ôgai-Gedenkstätte. Er wollte wissen, wer Mori Ôgai war, weil er seit einiger Zeit in der Großen Präsidentenstraße 10 lebte, Ôgais dritter und letzter Unterkunft 1888 in Berlin nahe dem S-Bahnhof Hackescher Markt, und weil er sich über die japanischen Touristen wunderte, die unablässig sein Zimmer fotografierten. Auf seine Frage, was an seinem Fenster denn so interessant sei, hatte er auch durch die Sprachbarriere hindurch den Namen Mori Ôgai aufgeschnappt. Ich versorgte ihn also mit Literatur, soweit in deutscher Sprache vorhanden. Am nächsten Tag erschien Norman Ohler mit seiner ausgesprochen schönen Freundin, um sich die „Maihime/Die Tänzerin”-Verfilmung von Shinoda Masahiro auf Video anzuschauen. Im Gegenzug lud er mich in seine Wohnung ein.

Er wohnte über der sogenannten „Galerie Mori Ôgai”, mit Ausstellungen von Malerei, Photographie und Skulpturen – das klassische Pendant zu der offenbar damit verbundenen „aktionsgalerie”, einer alternativen Nachwendegründung in dem letzten alleinstehenden, unsanierten Haus inmitten einer angehenden Yuppi-Gegend. (Einschub 2014: Damals fing man klein an und niemand ahnte, dass aus dieser Galerie später im Postfuhramt die Galerie C/O Berlin hervorgehen würde, die bald am Zoo im Amerika-Haus ihr neues Domizil beziehen wird. )
Da auch den Galeristen die fotografierenden Japaner nicht entgangen waren, schmückten sie sich kurzerhand mit dem Namen des Literaten, der zwar mit dieser Art Kunst wenig gemein hatte, aber bewußt zur Sponsorenwerbung in japanischen Unternehmen eingesetzt werden sollte. Über alle Fenster der zweiten Etage stand breit zu lesen: MORI ÔGAI. Ob die Strategie in dem Maße Früchte getragen hat, wie die Galeristen es sich erhofft hatten, vermag ich nicht einzuschätzen. Auf alle Fälle hatten viele der Ausstellungen Japan-Bezug bzw. wurden von japanischen Künstlern getragen. Schon die Eröffnungsausstellung „Augenblick-Welt” von Gabriele Musebrink im April 1998 stand ganz im Zeichen der „Vertonung japanischer Haikus auf der Leinwand”. Später folgten Fotoausstellungen von Tatsumi Orimoto („Art Mama”), Mario Ambrosius „Geisha” u.a. Kunstaktionen mit japanischer Beteiligung, so daß man wirklich annehmen konnte, der Geist des Vermittlers zwischen Deutschland und Japan wäre dort noch aktiv.

Inzwischen ist die Galerie in die Auguststr. 20 umgezogen und nennt sich nur noch „aktionsgalerie”. Die Übergangszeit der Verwechslungen mit unserer Gedenkstätte, wo ich deren Rechnungen erhielt, sie aber nicht meine japanische Post, ist also überstanden. Das Haus Große Präsidentenstraße 10 ist nun saniert. Ende Mai 2002 war Richtfest, kurz vor Weihnachten erstrahlte die neue Außenfassade bereits in frischer Farbe. Zu DDR-Zeiten sollte das Haus eigentlich abgerissen werden. Im Innern war es marode. Die Fassade ist nach dem Krieg erneuert bzw. wohl eher plattgemacht worden, denn die von Ôgai im Deutschlandtagebuch beschriebenen üppigen Blumenschalen1 waren schon Mitte der 80er Jahre, als ich das Haus zum ersten Mal betreten hatte, verschwunden. Im Erdgeschoß, hinter verschlossenen Türen, fristete die Geschäftsstelle der Deutschen Agrarwissenschaftlichen Gesellschaft auch nach der Wende weiter ihre unsichere Existenz. Alle anderen Wohnungen standen leer oder wurden quasi besetzt, bis die Eigentumsverhältnisse gerichtlich geklärt waren. Die neuen Besitzer verkauften das Grundstück, zu dem auch die Häuser Neue Promenade 3 und der Hackesche Markt 4 c gehören, an eine japanische Immobilienfirma (Nippon Developement Corporation/NDC mit Sitz in Potsdam). Mit Hilfe des Stadtbezirks Mitte , der städtepartnerschaftliche Beziehungen zu Ôgais Geburtsort Tsuwano unterhält, war das Gebäude inzwischen unter Denkmalschutz gestellt worden. Die entsprechende Behörde unterstützt die Sanierungsarbeiten finanziell und soll für eine historische und architektonische Ausgewogenheit der Bebauung des bereits 1751 angelegten Hackeschen Platzes sorgen. Ab 2003 heißt der ganze Gebäudekomplex dann „Hackescher Block” und wird wie aus einem Stück gegossen aussehen, Teil eines „lebendigen, autofreien Stadtplaztes”2 sein. An die früheren Einzelhäuser werden nur noch die Nummern erinnern. Dann wird auch der letzte Bauabschnitt am Hackeschen Markt – neben dem gleichnamigen S-Bahnhof zwischen Friedrichstraße und Alexanderplatz – abgeschlossen sein. Die Gebäude gegenüber dem Bahnhof — einst Symbol der Stadterweiterung Berlins über die Stadtmauern und den Zwirngraben hinaus — dienten seinerzeit als Herberge für Literaten, Maler, Künstler und wohlhabende Bürger. Heute hat u.a. der Aufbau-Verlag dort seinen Sitz.
Der Hackesche Markt war seit 1840 ein Kraut- und Fischmarkt. Die Straßennamen dieser Gegend am sogenannten “Scheunenviertel” erinnern noch heute an die zu Ôgais Zeiten hohe Konzentration von Militärangehörigen und ostjüdischer Zuwanderer. Die dem Hackeschen Block gegenüberliegenden Hackeschen Höfe sind heute Szenetreff für Jung und Alt, Repräsentanz und Techno-Muff gleichermaßen mit einem guten Kinoangebot, in jedem Fall aber freitagabends hoffnungslos überlaufen und für den echten Berliner schon wieder zu “tourimäßig”. Die Stadtväter und Architekten hoffen, daß der Platz nach Fertigstellung des Hackeschen Blocks im Frühjahr 2003 angenommen wird „wie eine Piazza in Italien”3.

In der ungeklärten Übergangsphase zwischen Rückübertragung des Besitzes und Renovierung, die sich insgesamt immerhin über 12 Jahre nach der Wende hinzog, wohnte Norman Ohler Mitte der 1990er Jahre für kurze Zeit in der Großen Präsidentenstraße 10. Dort spielt auch sein neuer Roman „Mitte”4.
Die von Ohler beobachtete Atmosphäre dieses Geisterhauses gibt es nun nur noch in der Literatur. Sie wird sich spätestens 2003 aufgelöst haben, verschwunden, gelöscht sein wie so manche Information im Netz. Das Verschwinden ist ein zentrales Thema bei Ohler. Wessen Vision der Innenstadt wird sich wohl in der Realität durchsetzen?

Als ich die Wohnung 1995 besuchte, war ich erschrocken über die Ausmaße, die ein Einzelner als mehr oder weniger legaler Untermieter bewohnte. Die Wohnung hatte mindestens 5 große Zimmer. Selbst die Löcher in der Decke waren nicht repariert. Alles war so, wie man es vorgefunden hatte, einfach weiß übertüncht worden. Ein seltsamer Anblick von gruseligen leeren Räumen. Im hinteren der großen Zimmer stand auf den brüchigen Dielen ein breites Bett. In dem ersten mit Blick auf den Hackeschen Markt und die Straßenbahnen ein Schreibtisch mit Laptop. Ohler zeigte mir auch die hinteren Gemächer. Über einen schmalen Gang und einen Wäschebalkon zum düsteren Innenhof gelangte man vorbei an einem Bad und einer Art Küche in die Dienstmädchenkammern. Später erfuhr ich von Herrn Tsuchiya, dem Geschäftsführer der NDC, daß die von Ôgai beschriebenen Blumenschalen nicht an der Außenfassade, sondern auf diesen zum Innenhof gerichteten langen Balkons befestigt waren.
Im hintersten Zimmer roch es noch verqualmt. Von dort aus führte eine Tür zu einem weiteren Hausflur, der unten im Hinterhof endete und in dem die Zeit stillzustehen schien. Neben der Tür ein begehbarer Kleiderschrank, in dem früher ein Hochbett eingebaut war — hier ist der Vormieter verbrannt. Angeblich hatte er im Bett geraucht. Ohler entwickelte aus diesen Tatsachen die Theorie, daß in dieser Wohnung ein schlechtes Karma herrsche. Alle Insassen hatten jedenfalls bisher ein tragisches Ende gefunden. Ohler führte das darauf zurück, daß Mori Ôgai offensichtlich nicht von Berlin weg wollte, als er hier 1888, in seiner 3. und letzten Unterkunft in Berlin den Befehl zur Rückkehr in sein Heimatland erhielt. Irgendetwas hielt Ôgai zurück, wovon er sich nicht losreißen konnte und wollte, weshalb sein schmerzerfüllter Geist noch immer unruhig in diesen Mauern herumspukt. Ohler wollte einen Roman schreiben über Berlin-Mitte und die Geister die in der Architektur dieses Hauses, dieser Gegend ihr Unwesen treiben, indem sie ihre Erscheinungsformen als Geistwesen oder Körper beliebig wechseln, zwischen allen Daseinebenen hin- und hersurfen. „Wer wären all die Leute…wenn niemand ihre Geschichte aufgeschrieben hätte? Wer wäre Jesus ohne die Bibel.” 5Ohler kam mir ausgesprochen geisterbesessen vor, hatte sich offensichtlich länger mit Totenkulten und übersinnlichen Phänomenen, wie sie in solchen Übergangs- oder Endzeiten en voge sind, befaßt. Ich war gespannt, freute mich auf eine interessante, frische, aktuelle Fiktion zum Thema Ôgai und Berlin. Die muß aber erst noch geschrieben werden.

Mit seinem noch in New York verfaßten ersten Roman „Die Quotenmaschine”6 (1995) – gleichzeitig der weltweit erste Internet-Roman – hat Ohler erhebliches Aufsehen in den Medien erregt. An den Mechanismen der virtuellen Welt reizte ihn die Entgrenzung, die Auflösung des ICH im unendlichen Raum des Netzes:

„Das Internet ist deswegen so unglaublich populär geworden, weil es die Sehnsucht des Menschen bedient, sich zu verbinden, aus dem Gefängnis der eigenen Person herauszutreten und sich in etwas Anderes, etwas Fließendes zu begeben. “ Das Internet „als eine Einstiegsdroge in eine Gesellschaft, in der die Macht nicht mehr konzentriert und kontrolliert wird, sondern in jedem Individuum wurzelt…” – las ich vor Jahren im Internet von ihm. Beim Ausdrucken wurde die Übertragung unterbrochen, die Quelle deshalb nicht angegeben und heute ist die Seite verschwunden wie das aufgelöste ICH der Hauptfigur des Romans. Realität und Literatur gehen bei Ohler lautlos ineinander über, in der interaktiven “Quotenmaschine” kann der Leser selbst den Fortgang der Handlung bestimmen und begibt sich ins Uferlose, einen Nebel des Ungewissen.

„Mitte” ist Ohlers zweites Werk. Vom Feuilleton wird es der Gattung Berlin- und Hauptstadtroman zugeordnet und mit der Welt von Döblins Franz Biberkopf verglichen.6 (Einschub 2014: Auch Ôgais „Ballettmädchen“ steht in den Buchhandlungen neuerdings unter „Berlin-Literatur“). Selbst die Immobilienmakler im Roman werben mit Biberkopf. Ohler ist kein Berliner, der die Historie bewußt oder unbewußt im Hinterkopf hat. Er ist der Beobachter aus der Pfalz bzw. aus New York, wie man es nimmt, in jedem Fall der von außen Gekommene, der die Bewegungen einer neuen Metropole aus dem Fokus seiner eigenen Wahrnehmung seismographisch festhält. Wo der Ur-Berliner historische Bilder im Kopf hat, sitzen bei Ohler die Geister bzw. die Erfahrung anderer Metropolen. Er versucht seine Um-Welt aus der detaillierten Beobachtung und der Draufsicht einer übersinnlichen Perspektive gleichzeitig zu erfassen. Wie im Internet kann er zwischen beiden Sphären nach Belieben surfen und tut es auch ausgiebig.
Der Roman beginnt an einem 4. Oktober und endet nicht an irgendeinem, sondern an dem für die deutsche Geschichte bedeutenden 9.November, wobei der letzte Tag wie ein Vorwort dem novembrig-düsteren Geschehen des Romans vorangestellt ist. Wir wissen also von Anfang an, daß der Protagonist an einer Überdosis Ketamin sterben wird: „Der Tod gehört zu unserem Plan…Du mußt erst sterben, um auf frische Gedanken zu kommen.” 7 flüstert der unerlöste Geist des toten DJ und Elektronikfreaks Igor dem arbeitslosen Programmierer Klinger, Ohlers alter ego, beharrlich ein. Der Fortgang der Katastrophe, die zunehmende Isolation des Helden, der sich als unfähiger Kaufhausdetektiv durchschlägt, durch Igors selbstzerstörerischen fanatischen Geist nicht nur bei der Arbeit sondern auch in der Liebe permanent behindert, wird nun noch einmal chronologisch aufgerollt. Klinger und Igor sind zwei Seiten einer multiplen Persönlichkeit ala “Fight Club”, “die selbstzerstörerische Antwort auf die Brutalität der New Economy”8

Bereits auf S. 19 stößt der Held Klinger auf Mori Ôgai, als er seine über eine Mitwohnzentrale vermittelte Wohnung das erste Mal aufsucht. Ein Tagebuchauszug Ôgais ist auf einem verblichenen Schild am Wohnungseingang befestigt — eine eigenwillige Adaption des Brauchs, dass Zimmerwirtinnen früher die Visitenkarten ihrer Untermieter an der Tür befestigten als Hinweis auf die gute Reputation der Unterkunft.
Und auf S. 40 erscheint dann das Klischee eines etwa 40jährigen Japaners, der sich als Dr. Takeda vorstellt. Mit diesem radebrechenden Ôgai-Fan durchsucht der Held das Dienstmädchenzimmer und gelangt von dort aus in das tatsächlich noch gut erhaltene innere Treppenhaus. Sie steigen hinauf in den Speicher und finden an einer Wäscheleine aufgereihte transparente Papiere. Der Japaner entziffert die alten Hyroglyphen, die allerdings nicht, wie er behauptet, von Ôgai stammen, sondern die verballhornte Wiedergabe von Beschwörungsformeln, (später von Ohler als „Gedicht” bezeichnet), der esotherischen Energieheilung durch Handauflegen sind, genau genommen aus dem 2. Reiki-Grad. Ohler interpretiert das Hon-sha-se-sho-nen als „Die schimmernde Essenz nähert sich dem Ziel” und Takeda erklärt: „Man muss laut sprechen, funktioniert über Ohr!” , wie ein Manthra.9 Und weiter: „Jaa! Unsterblichkeit – jaa! Hier, Berlin – ein harte Stadt – jaaa. Respekt. Ich respektiere. Hier hat Ôgai Herz verloren, das wissen Sie nicht. Hier hat er geliebt, junge Tänzerin” – Takedas Augen leuchteten. „Mein Herz”- scheinbar rezitiert er jetzt rohübersetzend aus Ballettmädchen – „war gleich Blatt der Mimose. Zieht sich bei jeder Berührung zusammen. Mein Herz – war wie junges Mädchen – jaaa”, wieder klopfte er auf Klinger herum und rief: „Auch wenn in Japan begraben liegt, Ôgai – hier ist Herz. Hier wohnt Mori Ôgai – größter Dichter Jappan! Ich habe gewusst: Mitte dieser schönen Stadt – Ôgai! Poesie! Visitenkarte – hier. Ich komme zurück. Man muß Gedenkstätte hier errichten, wenn Sie ziehen.” Das broken German ist genauso wenig authentisch wie der sächsische Dialekt eines ehemals Ostdeutschen Mitbewohners, von echten Äußerungen Mori Ôgais ganz zu schweigen, der für diese Karikaturen sicher nur ein Lächeln übrig hätte. Doch nach diesen zwei belanglosen Seiten voller Klischees ist Ôgai bereits wieder aus dem Roman verschwunden, wie so manch anderer Handlungsstrang. 100 Jahre Kulturvermittlung zwischen Japan und Deutschland in den Sand gesetzt, möchte man meinen. Daß er den japanischen „Wissenschaftler” als radebrechende und fotografierende ehrgeizig-verklärte Witzfigur darstellt, mag ja noch angehen bzw. durchaus auf eigenen Erfahrungen basieren. Die Art allerdings wie er Ôgai als Exoten darstellt und Versatzstücke von ihm vor seinen fiktiven Karren spannt, ist in seiner Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Das erinnert mich an einen Bekannten, der immer spaßeshalber zu sagen pflegte, er würde für einen guten Witz auch seinen besten Freund opfern. Na, Chuzpe10 ist im ehemaligen „Scheunenviertel” ja nichts Neues. Schade, in puncto Ôgai und Berlin ist hier zumindest eine große Chance vertan worden. Aber darum ging es dem Autor nicht, denn an Ôgais Geist interessierte ihn nur das Vergeistigte, nicht die Person, in der dieser Geist einst real wohnte, geschweige denn sein Werk oder seine Sicht auf dasselbe Berlin und seine Zeit.

Abgesehen von solcherart Schwachstellen liest sich die Interaktion des Helden Klinger mit dem hyperaktiven Geist des verstorbenen Vormieters Igor, dessen Körper verbrannt ist, als er mit Hilfe von Drogen gerade in anderen Bewusstsein erweiterten Ebenen unterwegs war, äußerst spannend und skurril. Von der Anstiftung zur Sabotage, dem Auslösen von Massenhysterien im Kaufhof am Alex über das Körper-Ausleihen, wodurch der Geist für göttlichen wilden Sex sorgen kann, zu dem der Held in seiner Melancholie schon nicht mehr fähig ist, bis hin zur Exhumierung von Igors Körper und der rituellen Reinigung der Knochen, damit der unerlöste Geist endlich ewige Ruhe findet, entwickelt sich die Handlung suggestiv auf den Deus ex machina hin. Das Ende der Hauptpersonen ist das Pendant zum Tod der Stadt, ihrer Mechanisierung, zu der neuen Mitte, dem aalglatten Yuppi-Viertel ohne Seele, die Ohler brilliant beschreibt ganz entgegen der Intention und der Verlautbarungen der Stadtväter. Die Stadt im Konsumrausch als Maschine für das Ziel Unsterblichkeit. „Das letzte Produkt, das im Regal noch fehlt.”11
„Muß ich in kleinen Dosierungen den Tod einnehmen, um am Leben zu bleiben? Liegt darin der Sinn des Wohnens in dieser Stadt? Tod in Mitte -” 12
Ein Tod ohne Mythos, ohne Ahnenverehrung und Geschichte, ein unaufhaltsamer, kranker, endgültiger Tod wird hier visioniert.

Während sich die verschiedensten futuristischen oder kriminellen Hirngespinste von Igors Geist für den Leser eher schwer verdauen lassen, haben die Abschnitte, in denen Ohler vor allem den nächtlichen Lebensalltag in Mitte und die dort mäandernden Gestalten beschreibt, wie er sie aus eigener Anschauung kannte und von seinem Fenster aus täglich beobachten konnte, eine Dichte und Prägnanz, die einen als Mitte-Berliner ständig zustimmend schmunzeln lässt. Da muß man dem Spiegel-Rezensenten13 recht geben, der über den angeblich “aufregendsten Berlin-Roman der letzen Jahre” behauptet, Ohler habe “den altehrwürdigen Expressionismus wieder an die Energiequellen der Gegenwart angeschlossen”. Widersprechen müßte man ihm höchstens dahingehend, daß dieser Roman weniger mit der “brutalen Wirklichkeit des abgewickelten Ostens”, die Ohler gar nicht kennt, als eher mit der des hereinbrechenden Westens spielt. Zumindest “prallten auf Klingers Netzhaut tatsächlich die beiden Hälften der Stadt aufeinander.”14:

„Er sah…unzählige Leute auf der Straße, die sicher alle zu Igors Zielgruppe zählten, zu seiner Feindgruppe, sofern sie in Boutiquen verkehrten oder in Cocktailbars: Style-Lämmer, Szene-Affen, die er zum Bluten bringen wollte…” 15
Klingers Freundin ist Ethnologie-Studentin und verdient sich ihr Stipendium als Nutte. „Gestern stand meine Mutter vor mir; auf der Oranienburger. Ist ja auch kein Wunder, halb Westdeutschland treibt sich da rum. Hab gewusst, dass das irgendwann passiert. Jeder Touri endet auf der Oranienburger. Dort kommen sie dann wirklich in Berlin an, wo die Nutten mit den großen Schirmen stehen…” „So, ich muss mich jetzt mal wieder um die Herren kümmern, die krank sind vom vielen Geld. Weil ich Geld brauche. Sonst werd ich krank.”16
Und schon erscheint Herr Wallputzerstein von der Gebäude Consulting Holding, der Prototyp des deutschen Immobilienmaklers: „Einem Deoroller nicht unähnlich ragte der penibel geschorene Kopf des Mittdreißigers aus einem schwarzen Anzug heraus…” und spricht per Videokamera mit einem potentiellen Firmen-Mieter für das zu sanierende Haus: „Nach Ansicht Ihres Portfolios könnte ich mir vorstellen, daß es keine bessere Lage für Ihre Interessen gibt in dieser Stadt. Sie haben die Szenekneipen beinahe im Blick, die ganzen coolen Underground-Sachen, die sich in letzter Zeit etabliert haben. Sie und ihre Angestellten können hier im Handumdrehen zu waschechten Berlin-Mitte-Boys werden, gar kein Problem” denkt so mancher von denen, welche die Mitte aufgekauft haben, „Internet?…Anschluß in jedem der Räume, das ist doch selbstverständlich! Welcher Boden? Birnbaumparkett – das ist bei uns Standart. Dieser Straßenlärm? Das wird tripleverglast, supersilent…”17
Künster, dem der Held gegen Ende in einem Restaurant in die Arme läuft, diagnostiziert die multiple Persönlichkeit des deutschen Hauptstädters weiter: „Das Erholungsprogramm kann ziemlich anstrengend sein…Die Stadt packt dich, auch wenn sie gar nicht so packend ist, und schon wirst du von einer Veranstaltung zur nächsten geschleift, darüber vergißt du dann das Wesentliche und bist ständig unterwegs. Denn irgendwo muss das große Berlin-Versprechen doch eingelöst werden, so hoffen jedenfalls immer noch einige hier.” 18
„Das mit der gespaltenen Persönlichkeit, das hofft hier mittlerweile jeder Zweite von sich. Aus rein praktischen Gründen ist das nicht schlecht. Wenn die eine Identität aufgrund widriger Umstände mal ausfällt, ist gleich die andere am Start. Geradezu notwendig heutzutage, so was in petto zu haben, wo man sich gesellschaftliche Ausfälle überhaupt nicht mehr leisten kann. Wer geht denn morgens in die Agentur oder spätnachts noch in eine Bar? Der wahre Mensch oder ein Soldat, der gar nicht bemerkt, wie er eingespannt wird, von sich selbst? Was in Wahrheit passiert, ist ganz simpel. Durch unglaubliche Ausschweifungen züchten wir uns zu Monstern heran, gab’s früher schon, ist nix Neues, lies Victor Hugo, Freakzüchtung für’s Regierungsviertel, das schon überall ist. Bei offiziellen Feiern – und bald sind alle Feiern offiziell – treten dann überall und ständig Zwerge auf, was anderes läßt die Leistungsgesellschaft bald nicht mehr zu…”19

Norman Ohlers „Mitte” ist wahrscheinlich alles andere als eine Annäherung an Mori Ôgai, aber dafür eine prägnante und witzig-sarkastische Essenz des Herzschlags der handybewaffneten coctailisierten Mitte Berlins. Die subtile Beschreibung des Verfalls einer geisterhaften Altstadtidylle und ihre kriechend-kalte Metamorphose in eine Geld- und Entertainment-Metropole ist herrlich subversiv und durchaus ein politischer Roman von heute.

Dez. 2002


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