Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Mori-Ogai-Gedenkstätte in der Luisenstraße – Japan in Mitte

Wenn man in Berlin-Büchern vor der Jahrhundertwende unter „Fremdlingen“ nachschlägt, dann wird in erster Linie der kreative Geschäftssinn der Chinesen und die bescheidene Zurückhaltung sowie der Lerneifer der Japaner gerühmt.

Seit dem Jahr 1878 bis zum ersten Weltkrieg haben allein 678 Japaner an der damaligen Friedrich-Wilhelm-Universität, der heutigen Humboldt-Universität studiert. Nicht eingeschlossen in diese Zahl sind die Diplomaten, die Geschäftsreisenden, die Gruppe von jungen Architekten und Bauarbeitern, die sich in der Voßstraße unter Anleitung des Architektenduos Böckmann & Ende die nötigen Kenntnisse für den Bau des Regierungsviertels in Tokio aneigneten, der Entdecker des Pesterregers Kitazato Shibasaburo oder die vielen Künstler, wie „Hanako“, eine japanische Tänzerin, die häufig für Rodin Modell gesessen hat. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Die Metropole Berlin wirkte wie ein Magnet auf die Auslandsreisenden aus Fernost. Damals hieß Japaner in Berlin zu sein fast automatisch, zu den Bürgern von Mitte zu gehören.

Einer dieser ehemaligen Berliner mit gleich drei Wohnstätten in Mitte war Mori Ogai (eigentlich Mori Rintaro, 1862-1922). Nach seinem Medizinstudium bei deutschen Ärzten kam der damals 22jährige von 1884-88 als frischgebackener Militärarzt nach Deutschland. Er sammelte Erfahrungen auf dem Gebiet der Hygiene und des Heeressanitätswesen in Leipzig, Dresden und München. Die letzte Station seines Studienaufenthalts war Berlin. Seine hiesigen Lehrer: Robert Koch und dessen Mitarbeiter. Wenngleich der ehrgeizige junge Japaner viel Zeit im Hygienelabor zubrachte, zahlreiche Artikel zu Japan, Ernährungsgewohnheiten, Wohnhäusern, den speziellen Epidemien in Asien auf deutsch veröffentlichte, ging er nicht blind und engstirnig durch Berlin.

Der spätere Dichter in ihm nahm mit allen Fasern und wachen Sinnen auf, was sich ihm an Andersartigem, für sein Land Vorwärtsweisendem oder Merkwürdigem bot, auf der Suche nach Wahrhaftigkeit und einer Synthese von asiatischen Traditionen und europäischer Moderne gleichermaßen. In seinem 38bändigen Gesamtwerk nimmt neben seiner Erstübertragung von beiden Teilen des „Faust“ seine erste Novelle eine besondere Stellung ein. Nicht nur, weil sie von Literaturwissenschaftlern mit dem Beginn der modernen japanischen Literatur identifiziert wird – in Japan nennt man sie auch die Berliner Novelle, in Übersetzung „Das Ballettmädchen“ (edition q, 1993). Diese melodramatische, auf den Kopf gestellte Butterfly-Liebesgeschichte zwischen der armen Berliner“Ballettratte“ Elis und dem jungen japanischen Studenten Ôta ist nicht nur Ogais dichterische Verarbeitung seines Berlin-Aufenthalts, es ist auch eine Abhandlung über die Antipoden Individuum und Gesellschaft, über Freiheit und staatsbürgerliche Pflichten, die Synthese von Ost und West und den bis heute nicht ausgestorbenen Widerspruch zwischen Pflicht und Gefühl. Sie gehört noch heute in vielen japanischen Schulen zur Pflichtliteratur in der Oberstufe, prägt somit noch immer das Berlin-Bild heutiger Japaner.

Anläßlich des 100. Jahrestages der Ankunft Ogais in Deutschland vor nunmehr 20 Jahren (am 12. Oktober 1984) begründeten Japanologen der Humboldt-Universität in seiner ersten Unterkunft in Deutschland, in der Luisenstr. 39, eine Gedenkstätte für den verdienstvollen Vermittler zwischen Deutschland und Japan, eine Einrichtung, die zum selbstverständlichen Besuchsprogramm japanischer Touristen in Berlin gehört und die über die wissenschaftliche Beschäftigung mit Ogai hinaus für Berliner und Studenten ein abwechslungsreiches Programm von japanbezogenen Kursen und Vorträgen anbietet.

Die Mori-Ogai-Gedenkstätte ist Montag bis Freitag von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Das Monatsprogramm wird auf Wunsch zugeschickt bzw. kann im Internet unter www2.hu-berlin.de/japanologie/veranstaltungen abgerufen werden.

Für die 1995 geschlossene Städtepartnerschaft zwischen Ogais Geburtsort Tsuwano und dem Stadtbezirk Mitte war die Gedenkstätte eine Art Geburtshelfer. Seither reisen alle zwei Jahre Jugendliche aus Mitte zu einem Homestay nach Tsuwano und im darauffolgenden Jahr begrüßen sie Schüler von der anderen Halbkugel in der deutschen Hauptstadt, nicht ohne dem Dichter in der Gedenkstätte ihre Referenz zu erweisen oder sich sachkundig über Sitten und Gebräuche des jeweils anderen Landes zu informieren.

Mit der Bezirksreform hat sich die Zahl der Partnerschaften nach Japan weiter erhöht. Tiergarten brachte die Partnerschaft zu Shinjuku (Stadteil von Tokio) und Wedding die zu Osaka-Ost mit in die Bezirksehe. Beste Voraussetzungen also für jugendliche Weltoffenheit gen Osten. Wer weiß, vielleicht ist der Tag nicht weit, wo unsere zur Mobilität gezwungenen Jugendlichen in Scharen nach Asien reisen, um von dem dortigen Know-how zu profitieren oder es uns weiterzugeben, wie es Ogais Generation vor über 100 Jahren umgekehrt getan hat?


Zuerst veröffentlicht bei Metropolis Berlin / idpraxis Agentur für Werbung, Public Relations & New Media GmbH [Link] (Zuletzt geprüft am 25.08.2014)


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