Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Ein leerer Ranzen – Mori Ôgai als Gärtner der Wissenschaft

Ein leerer Ranzen - Mori Ôgai als Gärtner der Wissenschaft in Humboldt 5, 2001,2 S. 11
Ein leerer Ranzen – Mori Ôgai als Gärtner der Wissenschaft in Humboldt 5, 2001,2 S. 11

„Stolz und ungebrochen mein großes Ziel verfolgend,
im Traume fahre ich auf dem Schiff in weite Ferne“

Diese beiden Zeilen eines chinesischen Gedichtes hielt der junge japanische Medizinstudent Mori Rintarô 1881 an genau jenem Tag in seinem Tagebuch fest, als er die Abschlussprüfung an der Medizinischen Fakultät der Kaiserlichen Universität Tokyo verpatzt hatte. Ob es nun an einer längeren Krankheit, dem Brand in seiner Unterkunft, bei der sämtliche Aufzeichnungen ein Raub der Flammen wurden, oder an dem besserwisserischen Ton des ehrgeizigen Grünschnabels seinem prüfenden Lehrer, dem Deutschen Dr. Schultze, gegenüber gelegen hat – belegt ist, er schloss nicht als Bester seines Jahrganges, sondern nur als Achtbester ab, und das sollte sein ganzes weiteres Schicksal bestimmen. Mit seinem um zwei Jahre rückdatierten Geburtsdatum war er nicht nur der jüngste seines Jahrganges, er gehörte auch zu den Leistungsstärksten. Wer damals zu den drei besten Absolventen zählte, konnte sicher sein, dass ihm ein postgraduales Studium im Ausland winkte. Von den vielen jungen lerneifrigen Japanern, die der japanische Staat flächendeckend ins Ausland entsandte, um westliche Wissenschaften und Technik nach Japan zurück zu bringen, studierten von 1878 bis zum Ersten Weltkrieg allein 678 Japaner an der Berliner Universität.

Sein Freund Miura Moriharu hatte den Sprung nach Deutschland sofort geschafft. Er studierte bei Rudolf Virchow und sollte später das erste pathologische Institut in Japan begründen. Mori Ôgai – unter diesem Pseudonym kennt man den jungen Studenten heute – folgte ihm drei Jahre später, allerdings als Militärarzt. Sein Ziel Deutschland konnte er nurmehr über den Umweg der Armee erreichen, eine Verbindung, von der er sich erst drei Tage vor seinem Tod lossagte, dann aber mit Nachdruck.

„Mit der vagen Hoffnung auf Ruhm und in der Absicht, fleißig zu lernen, woran ich wie an eine Fessel ohnehin gewöhnt war, stand ich nun plötzlich mitten in dieser neuen Metropole Europas. Welch ein Glanz, der da meine Augen traf. Welch eine Farbenpracht, die da meine Sinne verwirrte … Aber ich versperrte mich ohnehin allen Reizen, die von außen auf mich einstürmten, weil ich mir geschworen hatte, mich niemals und nirgends von eitlem schönem Schein betören zu lassen.“

So begegnete Ôgais alter ego in seinem literarischen Erstlingswerk „Das Ballettmädchen“ (1889) Berlin. Nach Studien in Leipzig, Dresden und München studierte Ôgai ab 1887 für ein Jahr bei Robert Koch Hygiene und Heeressanitätswesen. In den Immatrikulationslisten der Berliner Universität ist sein Name nicht verzeichnet. Als postgradualer Student hatte er einen privaten Lehrvertrag mit Prof. Robert Koch, der offensichtlich gern direkte Verträge mit ausländischen Studierenden schloss. Über diese Art der „Drittmittelbeschaffung“ finanzierte Koch wesentliche Teile seines Hygiene-Institutes in der Klosterstraße.

Wenngleich Ôgai nicht Direktstudent an der Berliner Universität war, stand er doch stets in enger Verbindung zu ihr. Sie ist seine geistige Alma mater, auf die er sich beruft, wenn er in Japan für eine Atmosphäre der „Beförderung des Lernens“ (gakumon no suiban, Wortschöpfung von Ôgai) kämpft. Schon 1888 hatte Ôgai in Berlin in seinem Tagebuch vermerkt: „Die Zeit ist vorüber, wo man die Früchte der Wissenschaft in Europa erlernte. Es ist höchste Zeit für die japanischen Studenten, das Lernen als solches zu lernen“. In seinen autobiografischen Selbstbetrachtungen Môsô (Illusionen) schrieb er 1911 sinngemäß, seine Sympathie gehöre all jenen Forschern/Lernenden, die an einem Ort aushalten und kämpfen, der keine adäquate Atmosphäre für ihre Studien bietet. Sie seien wie Taucher, die unter hohem Wasserdruck arbeiten müssen.

Vor 100 Jahren, am 21. März 1902, hielt Mori Ôgai in Kokura, wohin er für drei Jahre strafversetzt worden war, einen richtungsweisenden Abschiedsvortrag. Zunächst pflichtete er seinem Lehrer Prof. Erwin Bälz bei, der bei seiner vorzeitigen Entlassung aus dem Dienst der Kaiserlichen Universität Tokyo gewarnt hatte:

„Mir scheint es nämlich, dass man in Japan vielfach eine falsche Auffassung von dem Entstehen und dem Wesen der westlichen Wissenschaft hat. Man betrachtet sie als Maschine, die im Jahr so und so viel Arbeit liefert und die man ohne weiteres anderswohin transportieren und dort arbeiten lassen kann. Das ist ein Irrtum. Die abendländische Wissenschaft ist keine Maschine, sondern ein Organismus, der wie jeder andere Organismus zu seinem Gedeihen ein bestimmtes Klima, eine bestimmte Atmosphäre braucht.“

Dazu sei ein bestimmter Geist nötig, ein „Geist, den man nicht in den Hörsälen kennenlernt, … sondern nur im Umgang mit den Forschern selbst … Dieser Geist ist nicht leicht zu erlangen, er ist anspruchsvoll, er verlangt meist die ganze Zeit des Menschenlebens.“ Die ausländischen Wissenschaftler seien nicht nach Japan gekommen als Überbringer der Früchte der Wissenschaft, sondern als Gärtner der Wissenschaft. In seinem Vortrag diskutiert Ôgai weiter, wie man sich als Individuum und Lernender der westlichen Kultur und insbesondere dem Studium im Ausland nähern sollte. Er widerspricht seinem Landsmann Tsubouchi Shôyô, der gefordert hatte, dass man erst ins Ausland gehen sollte, wenn man eine gefestigte Meinung habe. Ôgai meint, das wäre wie wenn man einen Gesteinsbrocken aus einem anderen Gebirge in das eigene Gebirge verpflanzen würde. Er könne höchstens dazu dienen, die eigenen Steine zu polieren. Er empfiehlt stattdessen in möglichst jungen Jahren unvoreingenommen, mit jungfräulicher Sensibilität sich dem Leben und Studium im Ausland hinzugeben.

„Wenn man schon mit einem vollen Ranzen nach Europa kommt, paßt nichts mehr hinein. Je leerer er ist, umso mehr kann man aufnehmen.“ „Auch die eigene Wahrnehmung sollte sich im Ausland ändern. Wenn wir die neue Umgebung mit unseren Werten wahrnehmen, können wir sie nicht erfassen, man muß ‚sich häuten‘, psychologisch und im Denken.“

Drei Tugenden empfiehlt er: Sehen, Fühlen, Denken! Im Mai 1914 veröffentlichte der inzwischen zum Generalstabsarzt des japanisches Heeres avancierte Ôgai die Erzählung „Als ob“ (Ka no yô ni). Wie der Titel verrät, ist dieses Werk eine literarische Adaption des philosophischen Standardwerkes von Hans Vaihinger „Die Philosophie des Als Ob“, das erst ein Jahr vorher in Deutschland erschienen war. Wenn man sich überlegt, dass ein Schiff damals zwei Monate zwischen Deutschland und Japan unterwegs war, kann man nur bewundern, wie Ôgai es so schnell schaffte, die Grundgedanken des komplexen Werkes von Vaihinger zu erfassen und den Extrakt in Form einer philosophischen Erzählung in Japan bekannt zu machen. Vaihinger auf Japan angewandt beschäftigt sich vornehmlich mit dem Verhältnis von freier historischer Forschung zu den Mythen (des Kaiserhauses) bzw. der Rolle der Religion. Der Held der Erzählung Hidemaro erinnert sich enthusiastisch an sein Studium in Berlin, an die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Gründung der Berliner Universität unter Erich Schmidt (1853-1913, Rektor 1909/10) und beruft sich auf die Person und das Wirken des protestantischen Theologen Adolf Harnack – weniger wegen des Harnack’schen Erfolgsgeheimnisses bei der Berufung von Professoren. Hidemaro ist eher fasziniert von dem respektvollen, weitestgehend einvernehmlichen Verhältnis zwischen Wilhelm II. und Adolf Harnack. Für ihn steht der Umgang der beiden als Modell für eine fruchtbringende Interaktion von Politik und Wissenschaft bei Wahrung der Autonomie beider Seiten. Daraus resultiere seiner Meinung nach die wahre Stärke Deutschlands.

Ôgai hatte bereits 1888 Deutschland/Berlin verlassen und ist nie hierher zurück gekehrt. Das Universitätsjubiläum hat er also nicht miterlebt. Dennoch war er auch aus der Ferne und unter weitaus ungünstigeren Voraussetzungen, als wir sie heute haben, stets auf dem neuesten Stand der philosophischen, kulturellen und medizinischen Debatten seiner zweiten geistigen Heimat. Mori Ôgai (1862-1922) hat keinen Nobelpreis erhalten. In seinem Heimatland ist er als „Bungo“, als Dichterfürst bekannt, als Vordenker und führender Vertreter der Modernisierung Japans. Er hat ein 38-bändiges Gesamtwerk hinterlassen, das ins Deutsche rückübersetzt mindestens doppelt so umfangreich wäre. Im Februar jährt sich zum 140. Male sein Geburtstag, im Juli zum 80. Male sein Todestag. Anlässlich der 100. Wiederkehr seiner Ankunft in Deutschland haben Japanologen der Humboldt-Universität 1984 in seiner einstigen Wohnstätte in der Luisenstraße 39 eine Gedenkstätte für ihn errichtet.


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