Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Auf Gubener Spuren in Japan

WEBER, Beate: Über Bandô und Otto Hannasky, I–III, Neiße-Echo, 22. 7., 5. 8. und 19. 8. 2005.

Dies.: “Die deutsche Art zu schlachten”, Lausitzer Rundschau, 31. Dezember 2005, 19.

Hannasky I

Hannasky II

Langfassung (unveröff. Manuskript):

Gubener Schlachtefest in Bandô

Bandô. Den Namen dieses deutschen Gefangenenlagers aus dem 1. Weltkrieg in Japan hatte ich schon verschiedentlich gehört. Abgesehen von den wenigen Fakten in den Vorlesungen zur japanischen Geschichte während des schon lange zurückliegenden Studiums war einmal eine Frau in der Gedenkstätte erschienen und hatte mir Fotos ihres Großvaters aus eben diesem Lager gezeigt. Oder es kamen Gäste aus Japan, die mir von der Errichtung eines Museums dort berichteten. Später bekam ich durch Zufall eine der Lagerzeitungen in die Hände und weiß noch heute, wie ich mich wunderte, weil dieses Lagerleben so gar nicht dem Bild entsprach, welches sich aus Erzählungen von Vater und Großvätern in meinem Kopf festgesetzt hatte. Bandô das war der Inbegriff von fröhlichem Lagerleben mit Konzerten, Theateraufführungen, einer eigenen Zeitung u.v.a.m.
All diese Begegnungen am Rande sammelten sich tröpfchenweise ziemlich schnell in meinen Unterbewusstsein, bis ich vor ungefähr zwei Jahren einen Anruf von Frau Evelin Richter vom Stadtarchiv Guben erhielt. Ein japanischer Wissenschaftler, Prof. Nobushige Matsuo, hätte sich an das Archiv gewandt mit der Bitte um Aufklärung der Identität von Otto Hannasky. Er habe auch japanisches Material mitgeschickt, nur leider könne das niemand lesen.
Bis dahin war ich der Meinung, daß es zwischen meiner Heimatstadt Guben und dem fernen Japan kaum eine Beziehung gegeben haben kann. Abgesehen von Alice Heller, der Frau des Künstlers, Kunstwissenschaftlers, Japanologen und Büchersammlers Fritz Rumpf, die aus Guben stammte, Tochter eines Gubener Tuchfabrikanten war und nach dem Studium an der Berliner Kunsthochschule in Guben zwischenzeitlich als Turn- und Zeichenlehrerin gearbeitet hat. Aus dem Briefwechsel der beiden zwischen Japan und Deutschland, den Dr. Hartmut Walravens in der Japonica Humboldtiana 1999-2001 unter dem Titel “Zuzutraun wär’s Euch schon bei eurem Spatzengehirn…” herausgegeben und kommentiert hat, geht hervor, daß Alice Heller in der alten Poststraße 9/10 gewohnt, fleißig japanisch gelernt, und Rumpf alles daran gesetzt hat, sie von Guben weg nach Japan zu locken. Nicht ohne Erfolg. Doch das ist eine Geschichte für sich, zumindest eine, die bereits recht akribisch aufgearbeitet worden ist, im Gegensatz zu Hannasky.
Sobald man gedanklich ein Problem fokussiert, bekommt man von überall her Hinweise, die einen, ob man will oder nicht, wie ein Magnet immer tiefer in das Thema hineinsaugen. Und womöglich sind es gerade die Dinge, die nicht eindeutig, nicht klar und aufgearbeitet sind, welche die Neugier anstacheln, weitersuchen lassen. Sonst hätte ich mich zufrieden geben können mit der Tatsache, dass über die Person Otto Hannasky im Stadtarchiv keine Unterlagen vorliegen.
Vorerst gab es tatsächlich nichts weiter zu tun. Doch als dann im Sommer 2004 auf Kulturradio jeden Abend aus “Kafka am Strand”, dem neuesten Werk des japanischen Bestsellerautors Haruki MURAKAMI vorgelesen wurde, rückte die Thematik wieder in den Mittelpunkt. Der Held des Romans, Herr Nakata, wollte nämlich unbedingt nach Shikoku (Er wusste selbst nicht warum, er würde es wissen, sobald er in Shikoku sei, hieß es – auch eine mögliche Art zu reisen…). Seit 30 Jahren habe ich mit Japan zu tun und war noch nie auf Shikoku, fiel mir ein. Was sollte ich dort? Mich locken vor allem Gegenden, die nicht nur landschaftlich reizvoll sind, ich muss auch immer etwas zu tun haben vor Ort. Bandô! Das war ein Grund! Natürlich gibt es auf Shikoku weitaus mehr zu sehen: Pilgerpfade mit 88 Tempeln zur seelischen Reinigung, traumhafte Insellandschaften, Literatur- und Kunstmuseen, ganz zu schweigen vom einzigen Katzentempel Japans, die ich ganz nebenbei auch mitnehmen wollte… doch ein Grund genügte bereits. Damit stand fest: bei der nächsten Dienstreise fahre ich nach Shikoku und werde mich in Bandô auf die Suche nach Otto Hannasky machen.
Im November 2004 war es dann soweit, 3 Wochen Japan mit Vorträgen und Ausstellungsabsprachen. Die letzte Woche Shikoku, die westliche der vier Hauptinseln Japans. Ganz im nördlichsten Zipfel dieser Insel liegt die Gegend um Naruto, die für ihre Schönheit häufig von Dichtern besungen wurde und für einen riesigen Strudel in der Seto-Inlandsee berühmt ist. Das ehemalige Lager Bandô am Rande der Stadt Naruto erreiche ich mit meinen Begleitern (die im Sommer in Berlin auf Robert Koch’s Spuren wandelten) im Nieselregen, was das Fotografieren erschwert.
Gleich neben dem Parkplatz ein Erinnerungsstein und eine Tafel: Hier im Lager Bandô wurde am 1. Juni 1918 zum ersten Mal in Japan unter Maat Hermann R. Hansen Beethovens Neunte in Gänze aufgeführt. Unwillkürlich denkt man an all die vielen Proben, die bereits ab Mai, Juni für die “Dai-ku”, die Neunte, in Japan beginnen – kein Jahreswechsel ohne die Neunte, die fast so etwas wie eine zweite Nationalhymne ist, und deren Text, ähnlich wie beim “Heidenröslein”, meine japanischen Freunde besser beherrschen als so manch Deutscher, zumindest mehr als die erste Strophe. Besonders spektakulär ist das von der Firma Suntory seit 1983 jährlich veranstaltete Konzert mit allein 10.000 Mitwirkenden, die nicht nur die Ode an die Freude selbstverständlich auf deutsch singen, was in japanischen Silben dann so klingt: Fu-roi-de shê-nâ get-tâ-fun-ken. Sicher ging der Triumpfzug von Beethovens Neunter musikgeschichtlich nicht von Bandô aus und mit einigen der nachgebauten Instrumente (Kontrabaß) mag das Konzert auch nicht ganz rein geklungen haben. Doch die Soldaten fern von der Heimat werden das kaum wahrgenommen haben. Ebenso wenig, dass die weiblichen Stimmen fehlten. Es soll im Lager neben einer Madolinenkapelle mit selbstgebastelten Instrumenten allein 3 Orchester gegeben haben, die im und außerhalb des Lagers mehr als 100 Konzerte gegeben haben.
Dennoch Beethovens Sinfonie und Gefangenenlager, das passt so gar nicht in das Bild, das wir von Guatanamo u.a. Gefangenlagern haben, deren Pressebilder heute die Vorstellungen einer Generation prägen, die Krieg und Gefangenschaft nicht mehr erlebt hat. Tatsächlich war Bandô eine Ausnahme, ein Musterlager, wie es damals und bis heute wohl kein zweites gegeben hat. Es war eher ein deutsches Dorf als ein Gefangenenlager.
Diese so völlig andere Behandlung der Gefangen verdankten die deutschen Soldaten und Offiziere den persönlichen Erfahrungen ihres Lagerleiters Matsue Toyoshisa. Er gehörte zum Aizu-Clan, der sich nach 1868 gegen die Regierung gestellt hatte, ein Aufstand, der blutig niedergeschlagen wurde. Ganz in den Norden verbannt, sind auch Frauen und Kinder umgebracht worden, viele sind verhungert. Nie hat er diese Szenen vergessen. Seine Haltung war: die deutschen Soldaten haben für ihr Land gekämpft, dafür verdienen sie Respekt. Von seinen Vorgesetzten wurde der weißhaarige, auf Fotos gütig wirkende Matsue oft gescholten, dass er zu weich zu den Gefangenen sei und zu viel Geld für sie ausgäbe. Er versuchte gar nicht erst sie einzuschüchtern, wollte ihnen im Lager ein gesundes, menschenwürdiges Leben ermöglichen. Dennoch sagt man über ihn, er sei kein Humanist gewesen, dieser aus Europa stammende Begriff hatte in seiner seelischen und Denk-Struktur keinen Platz, es war der echte Geist des Samurai, der ihn Gefangene respektvoll behandeln ließ. Wenngleich diese Haltung nicht für Japan allgemein galt, das seit der Annexion Koreas 1910 wegen der schlechten Behandlung Gefangener in Verruf geraten war und nun auf dem internationalen Parkett danach strebte, sich als fortschrittliches zivilisiertes Land zu zeigen.
Insgesamt gab es im Zuge des 1. Weltkrieges in Japan 12 deutsche Gefangenlager von Tokyo bis Kumamoto mit insgesamt 4700 Gefangenen. Im April 1917 waren 953 inhaftierte Deutsche, die sich bereits in Tsingtau den Japanern ergeben hatten, aus drei kleineren Lagern im neu errichtete Lager in Bandô zusammengefasst worden. Drei Jahre sollten sie dort bleiben. Anfangs wöchentlich, später monatlich erschien die Lagerzeitung “Die Baracke” mit insgesamt 85 Ausgaben. Viele Offiziere und Soldaten verfügten aus dem bürgerlichen Leben über wissenschaftliche oder Fachkenntnisse. So gab es etwa 100 Vorträge pro Jahr. Am Rande des Lagers befanden sich die Sportplätze. Wer vorgab, seinen Körper stählen zu wollen, kam schon am Anfang beim Laufen leicht in Kontakt mit der Bevölkerung, mit der sich nach und nach ein reger Austausch, ein Voneinander-Lernen einspielte. Die Deutschen bekamen Unterricht in der Otani-Töpferkunst, japanischer Musik, dafür erwarben Japaner Kenntnisse in Architektur, Obst- und Gemüsebau, bekamen Musikunterricht u.v.a.m. Der offene und durchaus freundschaftlich zu nennende Kontakt zwischen deutschen Soldaten und der Bevölkerung ist wohl das Außergewöhnlichste diese Lagers überhaupt, der Kulturaustausch im Kleinen, der sich ganz spontan ergeben hatte und auch ohne Konzepte und Fördermittel bestens funktionierte, für beide Seiten gleichermaßen fruchtbringend. Die “blauäugigen Einwohner von Bandô” wurden von den Einheimischen bald höflich “Doitsu-san” genannt, “Herr Deutscher”. Sie selbst bezeichneten sich als Bandôer.
Die Deutschen machten sich mit der Kultur Japans bekannt, lernten Japanisch, Kalligraphie oder Chinesisch. Dafür war die Bevölkerung ein interessiertes und aufmerksames Publikum bei den Konzerten des Lagerorchesters oder auch bei den Theater- und Puppentheateraufführungen mit Stücken von Shakespeare, Goethe, Schiller u.a.. Angesichts der eigenen Tradition des klassischen japanischen Theaters, wo alle Rollen von Männern gespielt werden, störte es das japanische Publikum wohl am allerwenigsten, Männer in Frauenkleidern auf der Bühne zu sehen.
Schon bald hatten die Soldaten eine eigene Krankenkasse und eine eigene Post ins Leben gerufen. Die sogenannten “Bandô-kitte”, die lagereigenen Bandô-Briefmarken werden heute in Sammlerkreisen hoch gehandelt. Bandô verfügte als einziges Lager über eine eigene Druckerei, deren Erzeugnisse das einstige Lagerleben heute reich bebildern. Und auf der lagereigenen Geschäftsstraße, gleich neben der Kegelbahn, wurde der Sold der Offiziere gegen Waren getauscht, die die normalen Soldaten erhalten oder gebastelt hatten. Das Lager finanzierte sich über Spenden aus Japan und dem Ausland, von Firmen, in denen Spezialisten wie der spätere Japanologe Meißner, vor dem Krieg als Ingenieure gearbeitet hatten.
Wer es sich leisten konnte, baute sich sogar eine Datsche am Rande des Lagers.
Doch bevor man sich den schönen Dingen des Lebens widmen kann, kommt erst einmal das Essen. Im Lager wurde Brot gebacken und zu besonderen Festtagen auch so manch leckerer Kuchen, dessen Zubereitung die Japaner aus der Nachbarschaft gern erlernten und nacheiferten. Fujita, ein junger Japaner hat zwei Monate in der Lagerbäckerei gelernt, was durch ein offizielles Zeugnis am Ende seiner Ausbildung belegt ist.

Schwieriger war die Fleischbeschaffung. Schneider, ein Architekt unter den Lagerinsassen, hat einen Stall von 335 m2 entworfen, den 30 Soldaten aus dem Lager gemeinsam mit japanischen Tischlern und Zimmerleuten innerhalb von 5 Monaten erbauten. Für die Tierzucht war der aus Brand-Erbisdorf stammende Franz Clausnitzer zuständig. Anfangs wurden im Stall 10 Milchkühe und 10 Schweine gehalten, später waren es 15 Milchkühe und 30 Schweine.
Zum sogenannten “Tomita-Stall” gehörte auch so etwas wie eine eigene Fleischerei. Und hier kommen wir nun endlich auf das Gubener Weltenkind Otto Hannasky zurück. Die japanischen Quellen berichten nämlich, dass Hannaski dafür zuständig war und darüber hinaus den Japanern das artgerechte Schlachten beigebracht habe. Zumindest eine deutsche oder Gubener Art zu schlachten, wie man sie in Japan bis dahin nicht kannte, angefangen von der Zerlegung des Fleisches bis hin zu Herstellung von Würsten u.a., freilich unter klimatisch extremeren Bedingungen als in Deutschland. Der Bau des Stalls bzw. der Fleischerei im Lager zog weitere 2- 3 Viehzuchtbetriebe mit Schlachtung in der Umgebung nach sich, denn gerade in der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Fleischverzehr in Japan auch in der Bevölkerung rasant, der bis dahin besonderen Anlässen oder Höhergestellten vorbehalten war. Heute ist Shikoku berühmt für sein “Wagyu”, das japanische Rindfleisch, ein besonders leckeres Fleisch von mit Getreide gefütterten schwarzen oder braunen Rindern, deren mit feinen Fettadern durchzogenes Fleisch besonders zart ist.
Zu Hannaskys Zeiten wurden die neu gegründeten Viehzuchtbetriebe um das Lager herum von den Hoflieferanten des Kaiserhauses betrieben und so ist es letztlich nicht auszuschließen, dass von Hannsky geschlachtetes Rindfleisch selbst dem japanischen Kaiser kredenzt wurde. Jedenfalls soll Hannasky häufig in den Ställen außerhalb des Lagers tätig gewesen sein, war offenbar weder in seinem Tatendrang noch seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, war Schlächter, Fleischer und Berater gleichermaßen, genoß als versierter Fachmann Ansehen.
Was genau das Neuartige an Hannaskys Methode war, geht aus den Quellen nicht hervor. Das Schlachten an sich hat Hannaski für Japan nicht erfunden. 1866 wurde in Yokohama der erste Schlachthof eingerichtet. Bis dahin mussten Ausländer ihre Tiere noch an Bord ausländischer Schiffe im Hafen schlachten. Seit 1906 sind Schlachthöfe in Japan gesetzlich vorgeschrieben. Nun, wer je in Guben frühmorgens um 7 Uhr beim Schlachtefest vor dem Fleischerladen Schlange gestanden hat nach Finseln, Wurstsuppe, Wellfleisch, Leber- oder Grützwurst wird erahnen können, was der Landsmann da nach Japan verpflanzt hat.
Am 8. März 1918 veranstalteten die Gefangenen in der Stadthalle von Bandô für zwölf Tage eine “Ausstellung für Bildkunst und Handwerk”. 50.000 Besucher aus den umliegenden Städten und Dörfern soll diese Ausstellung angezogen haben, eine bis dahin nie dagewesen Zahl. Neben Konzerten und Theateraufführungen, Malerei und Kunstgewerblichem stellten sich auch die Handwerke mit ihren Produkten vor. Hannsky soll an einem eigenen Stand Fleischprodukten angeboten haben.

FUNAMOTO Utarô, der sich selbst als Tierarzt bezeichnete, hat häufig im Lager Bandô geholfen und dort Vieles gelernt. Er beschreibt Hannaski als einen kräftigen Mann, der auf ihn wirkte, wie ein Stierkämpfer. Übrigens hat Funamoto, der auch dafür zuständig war, die Milchwagen ins Lager und Sahne in die Bäckerei zu bringen, für seine Transportdienste oft als Dank ein Stück Kuchen erhalten. In seine Erinnerungen schwärmt er, nie in seinem ganzen Leben je wieder so leckeren Kuchen gegessen zu haben!
Funamoto berichtet, dass es einmal Zwischenfall gegeben habe – wie sicher auch sonst nicht jeder Tag im Lager eitel Sonneschein war, auch wenn es sich im Nachhinein aus den bunten Überbleibseln so darstellt -, als eine Kuh mit Abfallprodukten aus der Bäckerei gefüttert und davon schwer krank wurde, so dass sie notgeschlachtet werden musste, was die Deutschen gleich entgegen der Vorschrift im Lager erledigten. Mit der Begründung, das Fleisch werde schlecht, wenn man es nicht gleich zerlege. Der Schlachthof lag 9km entfernt auf der anderen Seite des Flusses, dort war die Schlachtung aber nicht angemeldet. Funamoto konnte den Konflikt mit der Hygiene-Abteilung später beilegen, indem das Fleisch vernichtet wurde, und auch die Gefangenen waren beruhigt, dass sie kein krankes Fleisch auf den Teller bekommen hatten.
Leider ist über Hannasky kaum mehr bekannt, als dass er aus “Guben NL, Kottbuser Str. 1a” stammte, laut Lagerverzeichnis Matrosenartillerist der Reserve war, also evtl. schon etwas älter als der Durchschnittssoldat. Matr.Art/Res steht dort, Gefangenennummer IV/20, Kompanie MA3, wohnte in Baracke IV, Raum 2. Auf der Tsingtau-Homepage von Hans-Joachim Schmidt erfährt man weiterhin, Hannasky war seit August 1914 Matrosenartillerist und bereits 3 Monate später, nach einem kurzen Krieg also, ab November 1914 im Lager Tokushima inhaftiert worden, bis er im April 1917 nach Bandô kam.
Clausnitzer ist auf allen Fotos zu identifizieren, aber wer kann heute noch sagen, welcher Deutsche auf den Fotos Otto Hannsky war? Wer weiß etwas über sein weiteres Leben? Dass seine Wurzeln auf die Gubener Fleischerinnung zurück gehen, ist anzunehmen. Im Gubener Adreßbuch von 1923 ist, laut Frau Richter, eine Agnes Hannasky, geb. Hausmann, geschiedene Fleischermeister, verzeichnet mit Wohnort Frankfurter Str. 21, dieselbe Adresse wie heute Durings Fleischerei. War Agnes die geschiedene Frau von Otto Hannasky aus Bandô? Fragen über Fragen. Letztlich können zum jetzigen Zeitpunkt nur die Fakten zusammentragen und auf ein Wunder gehofft werden, das zur Aufklärung beiträgt.
Im Jahre 1972 ist auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Bandô ein “Deutsches Haus” errichtet worden. 1993 wurde es in der jetzigen Form umgebaut. Es beherbergt, abgesehen von einem Veranstaltungssaal, dem Archiv und dem Büro der Mitarbeiter mehrere Ausstellungsräume, in denen man sich anhand von Informations-Tafeln, Modellen, Fotos und vielen Nachbildungen ausführlich über das Leben im Lager informieren kann. Der Leiter, Herr Tamura, spricht deutsch. Auch gibt es einen jungen deutschen Japanologen, der dort ein Praktikum absolviert. Sie führen mich durch das Museum und versorgen mich bereitwillig mit Foto- und Textmaterial. Sie wären dankbar, wenn sie aus Hannaskys Heimatstadt Hilfe bei der Identifizierung auf den abgebildeten Fotos bzw. bei der Recherche zu seinem weiteren Lebensweg erhielten, geben sie mir beim Abschied mit auf den Weg. Selbst die Schreibung seines Namens ist nicht eindeutig. In den Listen wird er mit “Hannasky” oder “Hannaski” geführt.
Nach dem Versailler Abkommen vom Januar 1920 wurde das Lager am 1. April offiziell geschlossen. Hannaski und Clausnitzer waren bereits im Dezember 1919 entlassen worden. 63 der Inhaftierten blieben in Japan.
Ist Hannasky nach Guben zurückgekehrt?

Hinweise werden erbeten an:
Das Deutsche Haus Naruto
55-2 Higashiyamada, Hinoki
Oasa-cho, Naruto-city, Tokushima
779-0025 JAPAN
e-mail: doitukan@city.naruto.tokushima.jp

Die Autorin ist gebürtige Gubnerin, hat in Berlin und Tokio Japanologie studiert und betreut die Gedenkstätte für den japanischen Arzt und Schriftsteller Mori Ogai (1862 – 1922).

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Quellen:
Adressbuch für das Lager Bandô 1917/8, zusammengestellt und herausgegeben von Rudolf Hülsenitz, gedruckt in der Lagerdruckerei

Heimatadressen der Kriegsgefangenen im Lager Bandô Japan 1919, Handschrift

Schmidt, Hans Joachim: “Die Veteidiger von Tsingtau und ihre Gefangenschaft in Japan (1914 bis 1920) — Historisch-biographisches Projekt, http://www.tsingtau.info

Tomita Seiyaku hyakunen no ayumi/ Der 100jährige Weg der Arzneifirma Tomita, (Hrsg.) Tomita Medical Company, Abt. Firmengeschichte, Naruto 1992, 5.Kapitel: Bando-cho de doitsushiki bokujô “Tomita chikusanbu” wo keiei/Der Betrieb der “Tomita Viehzucht-Abteilung” nach Art deutscher Ställe in Bandô

Funamoto, Sumirô: Doitsu bokusha to chichi Funamoto Uichirô/Der deutsche Viehhof und mein Vater Uichirô Funamoto, (Hrsg.) NPO Houjin Kagawa Toyohiko Gedenkverein Naruto (Hrsg.), 2004

Funamoto, Utarô/ Sanai Rakunoubu (Hrsg.): Doitsu furyo no kachiku kanri to rakunô no kusawake jidai ni tsuite/Über die Anfänge der Viehzucht und Milcherzeugung der deutschen Gefangenen (in Bandô, BW), Text-Kopie, keine Quellenangaben

Doko ni iyou to, soko ga doitsu da /Wo wir sind, ist Deutschland/ Hie gut Deutschland allemang!), Hrsg. von der Gesellschaft für Materialrecherche des Deutschen Hauses Naruto, Naruto 2003

Bando – ein Ort besonderer Ereignisse. Flyer des Deutschen Hauses Naruto

Kast, Alexander: Japan zwischen gestern und heute – Recherchen. Cornelia Goethe Literaturverlag, Frankfurt am Main 2003

Walravens, Hartmut: “Zuzutraun wär’s Euch schon bei Eurem Spatzengehirn”. aus dem Briefwechsel des Japanologen Fritz Rumpf (1888-1949), Japonica Humboldtiana Band 3-5, Hrsg. von der Mori-Ôgai-Gedenkstätte der Humboldt-Universität zu Berlin, Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1999-2001

Du verstehst unsere Herzen gut – Fritz Rumpf im Spannungsfeld der deutsch-japanischen Kulturbeziehungen. Handbuch zur Ausstellung des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin. Hrsg. von Hartmut Walravens. Weinheim: VCH, Acta Humaniora, 1989


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