Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Abschied vom HAIYÛZA, der Wiege der Brecht-Rezeption in Japan

In Tokio wird gerade eine Theater-Ära verabschiedet. Ende April 2025 schließt nach 70 Jahren schöpferischer Arbeit das Haiyûza im Stadtteil Roppongi. Das Gebäude war veraltet und Vieles baufällig, die notwendigen Kosten nicht aufzubringen. Der Topos, der bislang mit den deutsch-japanischen Theaterbeziehungen seit den 1920er Jahren verbunden war, verschwindet – das Ensemble jedoch will zusammenbleiben und, wie in Tokio meist üblich, auf verschiedensten Bühnen als Gast Produktionen zeigen.
Gegründet wurde das Haiyûza 1954 von dem japanischen Schauspieler und Regisseur SENDA Koreya (eigentlich Itô Kunio. Siehe unter „Ausstellungen 2004 „Senda Koreya 1904-1994. Ein Leben für das Theater).
Unter dem unverfänglichen Namen “ Haiyûza/Schauspielertheater” hatte Senda bereits während des II. Weltkrieges eine eigene Truppe gegründet. Sie war nach dem Krieg eine der großen drei Ensembles für modernes Sprechtheater, das in Japan damals erst auf eine kurze Geschichte zurückblickte. Bereits beim ersten Theatergebäude für Sprechtheater, den 1924 gegründeten Tsukiji-Kammerspielen war Senda Mitbegründer und spielte dort in Görings „Seeschlacht“.
Von 1927 bis 1931 weilte Senda in Berlin, hörte Vorlesungen über Kunsttheorie bei Lu Märten, ging in den Proben von Piscator ein und aus bzw. hatte einen kleinen Zuverdienst beim Film. In einem seiner vielen Berichte aus Berlin stellte er erstmalig Käthe Kollwitz in Japan vor. Für Gustav von Wangenheims „Truppe 1931“ entwarf er Masken, Requisiten und Kostüme und hätte in der „Mausefalle“ auch selbst mitgespielt, wäre er nicht als Sekretariatsmitglied des Internationalen Arbeitertheaterbundes zum Aufbau eines Fernostbüros in die Heimat zurückberufen worden.
Senda gilt als Wegbereiter der Brechtrezeption in Japan. Kurz vor seiner Abreise aus Berlin erlebte er 1930 noch die Aufführungen von „Mann ist Mann“, der „Dreigroschenoper, und der „Maßnahme“.

Nachdem er den Krieg wie viele andere japanische Intellektuelle und Künstler im Gefängnis verbracht hatte, übersetzte und verlegte er nicht nur Brechts Werke in Japan, allein 62 Brecht-Inszenierungen gehen auf sein künstlerisches Karma-Konto.

Die Mitglieder der Haiyuza-Truppe finanzierten 1954 gemeinschaftlich den Bau eines eigenen Theatergebäudes, dem sogar eine eigene Schauspielschule angegliedert war.
Später ließ Senda im Erdgeschoß seines eigenen Wohngebäudes eine Probebühne einrichten für die Experimente des „Brecht-Kreises“.
1980 wurde der Grund und Boden, auf dem das alte Theater stand, an eine Baufirma verkauft, unter der Bedingung, dass im unteren Bereich eines neu zu errichtenden Hochhauses kostenfrei ein modernes Haiyûza entsteht. Das 2. Haiyûza-Theater wurde an gleicher Stelle schon am 24.9.1980 eröffnet – man horche auf als Berliner: nach weniger als einem Jahr! – mit dem “Kaukasischen Kreidekreis” von Brecht in Sendas Regie. Im Mai 1994 war das auch seine vorletzte Inszenierung, im 90. Lebensjahr (sic).
Und zum Abgesang des Haiyûza-Gebäudes ist mit ebendiesem Stück nun das „Tokioter Ensemble“ zu Gast, gegründet von einem Schüler Sendas.
Was einst Theatergeschichte schrieb ist nun endgültig Geschichte.
Ein guter Grund für alle Freunde und Unterstützer, noch einmal zusammenzukommen und angeregt durch eine neue Brecht-Inszenierung noch einmal Rückschau auf fast 70 Jahre Theatergeschichte zu halten.

Senda beim Brecht-Dialog 1968 mit dem Nô-Spieler Hideo Kanze

Poster der „Mutter Courage“-Inszenierung von Senda 1967, ausgestellt im Brecht-Haus Buckow

Der Nachlass Senda Koreyas befindet sich im Empaku, im Theatermuseum der Waseda-Universität Tokio.


Theater《関連記事》