Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Eheanbahnung und Schlürfritual

in: FAZ, 06.09.2001

Die Mori-Ogai-Gedenkstätte wirbt mit Witz und Sprachakribie für die japanische Kultur in der Hauptstadt

Wer im ersten Stock des alten Mietshauses in der Berliner Luisenstraße 39 auf den Klingelknopf drückt, wird in einem der faszinierendsten Winkel der sonst eher spröden Institutswelt der Humboldt-Universität empfangen. Hier befindet sich die Mori-Ogai-Gedenkstätte, eine zu einer Forschungsstätte ausgestülpte Wohnung, in der sich eine Bibliothek, ein Kalligraphiesaal, ein Teeraum und ein winziges Arbeitszimmer im Stile des späten 19. Jahrhunderts befinden.

In diesen Räumen lebte einst der junge japanische Dichter und Arzt Mori Ogai (1862-1922), der als ein früher Berlin-Enthusiast und sensibler Entdecker der Verwandschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Japan nicht nur als erster Goethes Faust ins Japanische übertrug, sondern sich zugleich mit seinen eigenen Werken jenseits nationaler Festlegungen sehr selbstbewußt in die Karte der Weltliteratur eintrug.

Heute wird hier nicht nur an Ogai erinnert, sondern auch in die Zukunft gedacht. Man will nicht verstauben inmitten der musealen Erinnerung. Ogais Neugierde an der Moderne soll reaktiviert werden. Ganz im Sinne des Altmeisters bemüht man sich um Übersetzungen, jedoch gleichsam auf umgekehrtem Pfade, denn es geht der Leiterin der Gedenkstätte, Beate Weber, darum, ein „möglichst breites Spektrum japanischer Textarten, ins Deutsche übersetzt von Studenten, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Daß hierzu auch einige kuriose, von den Studenten heiß verehrte Comics zählen, erhöht den Reiz dieser Museumsredaktion, die im Geiste des altehrwürdigen Literatur-senseis ungewöhnliche Wege der Rezeption beschreitet.

Mori Ogai würde wohl nichts einzuwenden haben, daß in seiner alten Wohnstatt die rasanten, neurotisch-unruhigen Welten der Manga-Comics Einzug in die Künste des Übersetzens und der Sprachwissenschaft halten. Im Inneren einer Sprechblase tobt ohnehin stärker das Schweigen als die Sprache. Dieses Phänomen zu übersetzen knüpft an eine ästhetische Auseinandersetzung an, die in Japan früher als in Deutschland: die Erkundung von schreienden Leerräumen der Sprache.

Der im Jahr 1884 in Berlin eintreffende Student Ogai erzog sich frühzeitig zu einem weiten Forschungsblick auch jenseits der Dichtung, der ihn in den Naturwissenschaften immerhin zu einem Schüler Robert Kochs werden ließ. Der Reisende aus Japan war ein Vielbegabter, ein Schwärmer, der ausgerechnet im konservativen Deutschland so etwas wie eine Befreiung von den noch viel verkrusteteren Strukturen seines eigenen Landes erlebte. Es wundert daher nicht, daß eine seiner frühen Novellen „Das Ballettmädchen“, in Berlin spielt und eine traurige Liebesgeschichte erzählt, in der die Metropole wie durch einen Filter aus Hoffnung und emanzipatorischer Sehnsucht gesehen wird.

Ogai schrieb später über diese Zeit: „“Ich war in den Zwanzigern, nahm mit noch geradezu jungfräulichen Sinnen die Ereignisse der Welt um mich wahr, fühlte eine noch ungebrochene Kraft in mir – und befand mich in Berlin.“ In Deutschland ist Ogai nie breit rezipiert worden. Er blieb ein Exot, ein Fremder, der selbst bei denen, die ihn persönlich schätzten, wie etwa dem Medizinprofessor Erwin Bälz, als ldentitätstransvestit in der Erinnerung haftete. „Er sieht aus wie ein Deutscher und er spricht und benimmt sich exakt wie ein Deutscher.“ Die Zurechtstutzung eines internationalen Denkens auf inländisches Profil.

Alljährlich, besonders in den Sommermonaten betreten japanische Touristen die Museumswohnung wie ein fernöstliches Weimar, wie eine Pilgerstätte der Kultur, die immer noch für Aufbrüche steht, die in Japan keineswegs selbstverständlich sind. Dieser staunenden Andacht versucht Beate Weber seit einigen Jahren, mehr oder weniger im Verborgenen, das Übersetzungsprojekt entgegenzuhalten, das ohne akademische Fixierung in einer tieferen Verständigung zwischen den beiden so unterschiedlichen und in ihren verschwiegenen Konflikten so ähnlichen Ländern teilzuhaben versucht.

Die besten Arbeiten der studentischen Übersetzungen erscheinen in der Druckserie „Kleine Reihe“ als Hefte, die von der Gedenkstätte zum Kauf angeboten werden. Hervorstechend unter diesen Veröffentlichungen sind das erst vor kurzem erschienene Comic-Heft über den Ablauf einer Teezeremonie, das mit Detailschärfe und mit zärtlicher Lust an der Entlarvung steifer Normen dem alten Schlürfritual nachspürt, oder die ebenfalls in Sprechblasen übersetzten „Ratschläge für die Eheanbahnung in Japan“, worin ein junges Paar, Bildchen für Bildchen, die Schrecken eines zeremoniellen Sichkennenlernens durchlebt.

Die großen, wasserhellen Köpfe der Manga-Figuren, umschwebt von den deutschen Sprechblasen, verraten viel über die Gemeinsamkeiten einer brüchigen Poesie, die in beiden Ländern jenseits der kulturellen Unterschiede mit ganz neuen Fremdheiten zu kämpfen hat. Mit Witz und Augenzwinkern wird hier die klassische Lehre des Mori Ogai wieder zum Lieben erweckt: Neues entdecken, dabei akribisch genau der Sprache nachforschen und den Kopf ohne Scheu in die tieferen Schichten der Daseinserfahrung tauchen. Wer in diesen viel zu wenig wahrgenommenen Heften blättert, versteht, warum Ogai, sich an Goethe anlehnend, immer wieder von der Wichtigkeit sprach, sich der „Forderung des Tages“, also der Zeit, in der man lebt, zu stellen.

GERNOT WOLFRAM

Artikel als Zeitungsversion

Die Mori-Ogai-Gedenkstätte der Humboldt-Universität in der Luisenstraße 39 in Mitte ist montags bis freitags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.


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