Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Jubiläen und was dann?

Text für „Brücke“, Zeitschrift der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Tokio, 2002

In diesem Jahr jährt sich zum 140. Male der Geburtstag Mori Ôgais und zum 80. Male sein Todestag. Ich bin kein Freund von Ritualen und dem Gedenkzwang zu runden Jubiläen, schon gar nicht von der medialen Ausschlachtung. Wenngleich ich nicht leugnen kann, dass Artikel in der Tagespresse durchaus ein willkommener Anreiz sein können für immer wieder aufgeschobenes Wiederlesen. Wenn Ôgais Jubiläen in diesem Jahr relativ unspektakulär begangen werden, ist mir das nur recht, schließlich arbeite ich seit 18 Jahren an einem mit Ôgai verbundenen literarischen Ort, und weiß um die Wichtigkeit des Alltäglichen, der kontemplativen Stille fernab von den großen Jubiläen, die in der Regel nur zusätzliche Belastung und ein wenig öffentliche Aufmerksamkeit bringen, an den Problemen aber wenig ändern.
Ist Ôgai vergessen, brauchen wir Rituale? Wenngleich unsere Besucherzahlen seit dem 11. September 2001 gesunken sind, haben sich meine ärgsten Befürchtungen nicht bestätigt. Als ich nämlich 1984 die Arbeit an der Gedenkstätte begann, hatte ich fast ausschließlich mit vereinzelten Akademikern und Ôgai-Forschern der höheren Jahrgänge zu tun. Ich sagte mir damals, in 15 Jahren ist diese Generation ausgestorben und dann interessiert sich niemand mehr für Ôgai, dann hat die Gedenkstätte ihr Existenzberechtigung eingebüßt. Weit gefehlt! Das Durchschnittsalter unserer Gäste liegt heute zwischen 20 und 30 Jahren. Der Boom der Reisegruppen nach dem Mauerfall ist vorüber. Die selbstbewussten Einzelreisenden mit ihren vielen Fragen, nicht nur zu Ôgai sondern zur Situation in Deutschland allgemein bzw. umgekehrt zu Japan, bilden das Gros unserer Gäste. Gerade japanische Studenten suchen über den Umweg Deutschland die Konfrontation mit sich selbst und ihrer eigenen Kultur. Und ich bin mir sicher, daß diese Tendenz sich noch verstärken wird. Wenn Mori Ôgai und Natsume Soseki nun aus dem Pflichtlehrstoff der Schulen verschwunden sind, wer soll dann die junge Generation an die eigene und gleichzeitig gemeinsame Tradition erinnern, die angeblich schwer verständlich und unzumutbar ist? Zugegeben, “Maihime” und das “Deutschlandtagebuch” lesen sich in deutscher Übersetzung wirklich leichter. Ein Grund mehr, Deutsch zu lernen.
Vor wiederum 100 Jahren am 26. März verließ Ôgai Kokura, wohin er für knapp 3 Jahre versetzt worden war. Fernab vom literarischen Leben Tokios kehrte er in Gedanken nach Deutschland zurück, redigierte sein “Deutschlandtagebuch”, veröffentlichte seine Adaption von Knigges “Über den Umgang mit Menschen” und Andersens “Improvisator” nach deutscher Vorlage, hielt Vorträge über Clausewitz’ “Vom Kriege” und die deutsche Ästhetik. Kein Zufall also wenn die Gedenkveranstaltung in Kokura eine Japanerin (Mori Mayumi) und eine Deutsche (Beate Weber) gemeinsam bestritten, in Vorträgen Ôgai-bezogene literarische Orte in Tokyo und Berlin vorstellten und sich in der Diskussionsrunde zum Thema “Ôgai heute und ich” äußerten.
In nächster Zeit wird es keine Jubiläen mehr geben. Was wird dann aus Ogai und seiner Vermittlungs-Mission?

Beate Weber


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