Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Grundkurs-Poesie eines Lehrbuchs – Thomas BAUMHEKEL

Arbeiten auf Papier, Ausstellung vom 13.10.2011 bis zum 30.1.2012.

Flyer Ausstellung Baumhekel

Eröffnungsrede von Beate Wonde

Ausstellung Baumhekel Eröffnung Beate Wonde

Lektion 1: „Die Humboldt-Universität befindet sich in Berlin. Die Gebäude sind groß und prächtig. Die Zahl der Studierenden ist hoch…“

Lieber Thomas Baumhekel, sehr geehrte Gäste, von fern angereist und aus Berlin, liebe Kommilitonen (senpai und kohai) der Humboldt-Japanologie, liebe Freunde der Gedenkstätte.



Es ist mein Part bei der Eröffnung der heutigen Ausstellung „Grundkurs – Poesie eines Lehrbuches“ etwas zum Zustandekommen der Ausstellung zu sagen und Ihnen den Künstler vorzustellen.

Ich habe mit dem angefangen, was ich – und viele von Ihnen – am besten kennen: Der Lektion 1 aus dem Grundkurs von Dr. Eiko Saitô und Dr. Helga Silberstein – letztere möchte ich hier heute im Kreise ihrer ehemaligen Schüler auf das herzlichste willkommen heißen. Frau Dr. Saitô ist z.Z. in Japan und kann leider nicht kommen.

Ich gehöre noch zu der Vor-Lehrbuch-Generation, d.h. die Texte, mit denen ich meine Japanisch seinerzeit erlernte, waren von Saitô-sensei fein säuberlich in Schönschrift per Hand geschrieben und die Grammatik von Silberstein-sensei auf der Schreibmaschine getippt angeheftet. Auf bräunlichem Ormig-Papier wurden sie für die wenigen handverlesenen Studenten abgezogen und an uns einige Jahre getestet. Übrigens habe ich im Vorfeld der Ausstellung eine Umfrage gestartet, wer denn diese gelblichen Blätter noch besitzt, und bin lediglich bei Thomas Klingenstein fündig geworden, der aus polit. Gründen zwar nie an der HU studiert, aber dennoch mit diesem Lehrbuch Japanisch gelernt, diese frühen Zeugnisse in Ehren gehalten hat.

Danke für die Ausleihe und die damit ausgelösten Déjà-vus.
Frau Dr. Silberstein kann Ihnen viel besser als ich Auskunft geben, welch zähes Ringen untereinander und mit Lektoren um jeden Satz dem Druck des Grundkurses und des 1986 erschienenen Lernwortschatzes – den Dr. Silberstein als Abfallprodukt des ersten bezeichnet – voraus ging. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, in mehrfacher Hinsicht. Durch die feine Abstimmung von Text. Lexik, Grammatik ließ sich damit sehr gut aufbauend Japanisch lernen – viele benutzen das Lehrbuch, das inzwischen als CD erhältlich ist, noch heute, wie empfehlende Interneteinträge beweisen. Und zum anderen ist das Buch einfach schön, gut gemacht, wie zu DDR-Zeiten üblich: fest in Leinen gebunden und mit schlichtem, schnörkellosem Titel, weiß auf blauem Humboldt-Grund. „Silberstein Lernwortschatz“ eine heute unübliche und fast japanisch anmutende Schlichtheit. Dr. Silberstein verriet mir, dass der Grundkurs tatsächlich für einen Buch-Gestaltungspreis vorgesehen war.

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Gerade diese schlichte Ästhetik war es, die Thomas Baumhekel auf die Lehrbücher aufmerksam werden ließ, als er sie in der Konkursmasse von VEB Kombinat Fortschritt, Neustadt in Sachsen, Leitstelle Informationssystem – Wiss. technische Bibliothek – fand. Auch das eine DDR-Spezifik: Einerseits bedeutete jede Publikation angesichts der Papierknappheit einen jahrelangen Kampf und Planung Jahre im Voraus, andererseits fand man dann flächendeckend verteilt Bücher zu allem möglichen exotischen Sprachen in Betriebsbibliotheken, die oft kaum Verwendung dafür hatten. Übrigens, das Exemplar des Grundbuches, das ich bei Frau Dr. Brochlos in unserer Japanologie-Bibliothek ausgeliehen habe, trägt ebenfalls den Stempel: „Ausgesondert – Stadtbibliothek Berlin-Hellersdorf“. So manches muss erst sterben, um wiederauferstehen zu können. Und so fand ich die Fügung einfach genial, den Grundkurs in Gestalt der Collagen, genau 30 Jahre nach Erscheinen der Erstauflage, hier an den symbolischen Ort seiner Entstehung zurück zu holen. Zu verdanken haben wir die Idee einem nakaidô, mit dem ich früher Theater gespielt habe und der zum Freundeskreis von Thomas Baumhekel gehört: Jens Merle. Vielen Dank fürs Brückenbauen.

Als ein Freund mir erzählte, er kenne da einen Künstler, der 2009 bereits eine Ausstellung mit unserem Grundkurs in der Margaretenhütte Großdubrau gezeigt habe, war ich etwas perplex. Wie kommt ein Künstler 2009 auf die Idee ein Lehrbuch zu thematisieren, über das die Zeit längst hinweg gegangen ist? Als ich dann Beispiele, wie auf der damals angefertigten Postkarte sah, fand ich es natsukashii, in meinem Kopf explodierten Erinnerungen, und ich hatte sofort das Gefühl, dass Baumhekel mir mit einem Augenzwinkern ein Stück meiner Identität zurückgegeben hat, wie sich auch seine Biografie in einigen der Collage gewordenen Sätze widerspiegelt. Und dazu sollten neben den Freunden des Künstlers viele Japanologen eingeladen werden, vornehmlich solche, deren Lebensweg dieses Lehrbuch begleitet hat.

Dennoch ist die heutige Ausstellung ein Novum – und deshalb war Herr Baumhekel auch etwas aufgeregt. Er sagte, es sei das erste Mal, dass er Teile seiner Grundkurs-Collagen vor einem Publikum zeigt, das die Schrift auch lesen kann – und damit natürlich Fehler sofort bemerkt. Doch darum geht es bei diesen Arbeiten gar nicht, also suchen Sie gar nicht erst. Und begleiten Sie mich kurz auf eine Reise in „Baumhekels Reich der Zeichen“ (frei nach Roland Barthes). Thomas Baumhekel ist ein Grenzgänger, die Überwindung von unfreiwillig auferlegten Grenzen und das Interesse für fremde Kulturen führte ihn schon zu DDR-Zeiten auf abenteuerliche Reisen durch die Sowjetunion.

Hier kam er über die kyrillische Schrift hinaus in Berührung mit der Ikonographie. Später, nach dem Abschluss der Hochschule für Bildende Kunst Dresden in den Fächern Malerei und Grafik 1992, erweitete er seinen Horizont in Richtung Ostasien, befasste sich mit daoistischen Quellentexten bis hin zur Abschrift des Daodejing. Arbeiten aus diesem Zyklus, nämlich daoistische Texte auf Treibholz aus der Elbe waren bereits 2006 im Berliner Asiatischen Museum zu sehen. (Im Raum nebenan finden sie ein neueres Beispiel dieser Schriften auf Treibholz mit den alten Zeichen für Unter den Linden – passend zu Mori Ogais rauschhafter ersten Begegnung mit diesem Boulevard.)

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2009 begann er dann mit den Collagen des Grundkurses — als Autodidakt. Er hatte jap. Texte und deren Übersetzung zur Verfügung, musste den Übersetzern also vertrauen. Waren ihm die Kanji aus dem Chinesischen bereits bekannt, so nahm er die Hiragana- und Katakana-Zeichen aus dem modernen Japanisch anfangs nur als Gebilde wahr, die er nachzuahmen versuchte. Es ging hierbei nicht um Korrektheit, sondern um die Suche nach einer ganz eignen Formsprache und um die Spiegelung der eigenen Biografie in einem fremdsprachlichen, asiatischen Text. Wichtig ist, dass und wie er sich dieser Herausforderung gestellt hat. Inzwischen ist eine umfangreiche Sammlung von Collagen zum Grundkurs entstanden, die er gern mit Zeilen aus weitaus früherer Lyrik, wie denen von Sei Shonagon aus dem 12. Jh., in Beziehung setzt in ihrer Schlichtheit und Poesie.

Grundkurs_Ein Kilo Orangen
Grundkurs_Ein Kilo Orangen

Die Grundkurs-Collagen sind keine Kalligraphien. Mit ungespitztem Bleistift in einer ihm ureigenen Schreibart, durchaus entfernt vom Üblichen, eignet er sich schreibend die Bedeutung der Sätze an. Wichtig ist ihm dabei in erster Linie das Bildhafte, die Bedeutung dagegen wird durch minimale Zusätze zu Collagen erweitert und augenzwinkernd interpretiert. Sein Namensstempel ist die Briefmarke.

Auch in seinen Werken manifestiert sich ein unbändiges „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, was in diesem Fall weniger an Luther angelehnt ist, als an seinem großen künstlerischen Vorbild, dem international bekannten, 1985 verstorbenen japanischen Kalligraphen Inoue Yûichi. Inoues Ausstellung in Frankfurt am Main 1995 hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen und Baumhekel nachhaltig bestätigt in seiner ungestümen, alle Regeln außer Kraft setzenden Bildsprache, in der sich kindliche Unbefangenheit und unbezähmte Kraft vereinen. Am deutlichsten wird das wohl, wenn Sie ein wenig in den ausgelegten Katalogen der Ausstellungen „Zerbrochenes Holz“ und der Ausstellung im Kupferstich-Museum Dresden blättern.

Der Titel „Zerbrochenes Holz“ erinnert mich an den Titel einer Übersetzung Mori Ôgais , nämlich „Umoregi“ – wie er recht frei die „Geschichte eines Genies“ von Ossip Schubin alias Aloisia Kirschner, einer Berliner Saloniere und Bestsellerautorin, fast zeitgleich mit Maihime übersetze. Umoregi – bedeutet laut Wörterbuch „fossiles, versteinertes, in der Erde vergrabenes Holz, auch in Vergessenheit geratenes Leben“.

Ich danke Thomas Baumhekel, dass er mit seinen Grundkurs-Collagen unser vergrabenes biografisches Holz freigelegt und uns einen Einblick in seine Formensprache gegeben hat. Auf völlig andere Art und Generationen später schließt sich heute der Kreis, der mit Saitô-senseis handschriftlichen Lektionen anfing und als Kunst in Thomas Baumhekels ureigenster Handschrift wiedererstanden ist.

Baumhekel steht damit an diesem Ort in guter Tradition, wo seit 2006 in regelmäßigen Abständen Künstler mit ihrem verinnerlichten Japan vorgestellt werden, die selbst noch nie in jenem Land weilten, wie Erika Stürmer Alex mit ihren „Strich-Codes“, Sigrid Noack mit ihren Kasseinarbeiten auf Bambusrollos oder Packpapier unter dem Titel „Japan intuitiv“ und Frank Merten mit kalligraphischen u.a. Arbeiten „Zwischen Hier und Dort“.

Apropos – zum Schluss, aber nicht weniger innig, möchte ich Frank Merten und meinen Assistentinnen ganz herzlich danken für die Hilfe beim Zustandekommen der Ausstellung. Vor allem aber dem Künstler Thomas Baumhekel für die gute Zusammenarbeit bei der Vorbereitung. Herzlichen Glückwunsch zur Ausstellung im Hause Mori Ôgais!

Ausstellung Baumhekel
Ausstellung Baumhekel

Exhibition: Thomas Baumhekel – Grundkurs: Poesie eines Lehrbuches. Mori Ôgai Memorial Center, Berlin 13. October, 2011 – 31.January, 2012. In: Communications from the International Brecht Society, CIBS 41/2012, S. 87-90

"Grundkurs - Poesie eines Lehrbuches" in Humboldt, 20.10.2011. S.8
„Grundkurs – Poesie eines Lehrbuches“ in Humboldt, 20.10.2011. S.8
Brecht Society Titelseite
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