Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Zwischen Hier und Dort – Frank MERTEN

Malerei / Tusche, 1.4. bis 11.6.2008.

Frühling (Collage 2008)
Frühling (Collage 2008)
Eröffnung mit Frank Merten
Eröffnung mit Frank Merten


Rede zur Ausstellungseröffnung

Zwischen Hier und Dort

Wie ist das also mit dem Niemandsland zwischen Hier und Dort, zwischen gestern und morgen, zwischen nicht mehr und noch nicht ganz, ist es nur ein Übergang oder ein Jetzt-Standort für sich, ist nicht alles und jedes ein ZWISCHEN und das Ankommen nur eine Sehnsucht, die sich doch nie erfüllt?

Gibt es einen Ort, der für dieses ZWISCHEN besser steht, als diese Gedenkstätte für einen Schriftsteller, der nun wahrlich zwischen allen nur denkbaren Stühlen gesessen bzw. stets mit mindestens zwei Herzen in seiner Brust gerungen hat?

Ogai, der bei seinem Streben nach geistiger und innerer Freiheit stets an die Fesseln der Familie und des Staates erinnert wurde, der sich sowohl im klassischen Chinesisch wie auch in etwa 4—5 europäischen Sprachen bestens auskannte, vorwiegend im Deutschen, der zwischen Deutschland und Japan vermittelte, indem er an die 130 Werke europäischen Literatur und Kultur ins Japanische übertrug, der mit dem Teufelsfuß des Militärdaseins durchs Leben ging und eigentlich nur Schriftsteller sein wollte, der ein Debattierer und Rebell war und doch die staatliche Ordnung vor Chaos zu bewahren suchte, der gebildete, selbständige, kreative Frauen über alles schätze und sich mit 40 in der inneren Emigration einer spannungsreichen Ehe mit einer 18 Jahre jüngeren Schönheit wiederfand. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ogai ist ein Zwischenwesen par excellence, das die Irritationen nicht nur ausgehalten, sondern auch produktiv gemacht hat.

Und nicht zufällig findet sich unter seinen Werken ein Text mit dem Titel „Zwischenbilanz“ / Nakajikiri von 1917 (5 Jahre vor seinem Tod), aus dem ich gern einige Passagen zitieren möchte:

„Das Alter rückt näher.
Wenn das Licht der Hoffnung vor uns schwächer wird, blicken wir auf die Gestalten hinter uns zurück. Das ist allgemein menschlich. Mit zunehmendem Alter wird der Mensch retrospektiv. Ich habe Medizin gelernt und habe damit dem Staat gedient. Aber ich bin als Arzt bisher noch nie gesellschaftlich besonders beachtet worden. In einem chinesischen Gedicht heißt es: „Unentschlossen nutzloser Arbeit hingegeben / Mein größte Leistung: ich wurde nicht strafversetzt.“

Mehr oder weniger öffentlich anerkannt wurde ich als Literat…. …Ich hatte dabei von Anfang an keineswegs das Bewusstsein ein Literat oder Künstler zu sein. Ich war auch nicht bewusst Philosoph und fühlte mich auch nicht als Historiker. Es ging mir eben so, wie jemandem, der zufällig auf dem Land lebt und Ackerbau betreibt, oder jemandem, der zufällig am Wasser wohnt und angelt. Kurz gesagt: ich wurde von den Leuten Zeit meines Lebens als Dilettant angesehen…

… Neuerdings kommen häufig Leute zu mir, um meine Meinung zu Literatur und Kunst oder zu sozialen Fragen zu erkunden, oder auch, um mich um eine Erzählung zu bitten. Ich empfinde das als sehr lästig. Indem ich Vergangenheit und Gegenwart offen lege, verstopfe ich die Quellen solcher Anfragen. Einst hängte Gu Yanwu eine Tafel in seinem Zimmer auf, die anzeigte, dass er jederlei literarischen Austausch verweigere. Diese Zwischenbilanz ist so etwas wie Gus Tafel.“ (aus Schamoni, Katalog der Ogai-Austellung 1987, S. 92/93)

Ich nehme einmal an, dass Ogais resignierter Ansatz auf den wesentlich jüngeren Frank Merten noch nicht zutrifft. Zumindest hat er anstelle von Gus abweisender Tafel hier für Sie einige seiner „Zwischenwerke“ aufgehängt, um heute Abend mit Ihnen evtl. zu einem Austausch darüber zu gelangen. Wie Ogai, der sich als Militärarzt seine Existenz und seine gesellschaftliche Reputation verdiente, im Grunde seines Herzens aber Schriftsteller war, ohne gänzlich davon leben zu können, hat auch Frank Merten an diesem Ort nun zwei Gesichter. Das eine ist das desjenigen, der hier bei jeder kaputten, schiefen oder reparaturbedürftigen Sache zur Hand geht, der Retter in der Not – auch wenn es darum geht, fachgerecht Ausstellungen zu hängen. Das andere ist das des Künstlers, der seine Arbeitszeit an dieser Uni verkürzt, um malen zu können. Aus langjähriger Dankbarkeit gegenüber dem Ersteren freue ich mich Ihnen Letzteren heute mit dieser eigenen Präsentation seiner Werke vorstellen zu können.

Kommen wir noch einmal auf das Zwischen zurück.

Zwischen wird im Japanischen als ein Tor, durch das ein Tag kommt wiedergegeben, als wäre jeder neue Tag letztlich ein Zwischen. Ein Tag, ein Heute, das von einem Tor eingerahmt wird, wie ein Bild.
Ausgesprochen wird es: ma oder aida.
Während aida immer ein Dazwischen andeutet, kann ma auch Pause, Zeit, Raum bedeuten, ein Innehalten zwischen zwei Polen.
Wenn die Zeit wie im Nu vergangen ist, dann war es a-toiu ma ni, in einer Zeitspanne so lang wie ein a. Wenn man aber ein ma liegen lässt (ma wo oku), dann nimmt man sich Zeit. Und wenn man nicht mal ein ma zum Schlafen hat, dann hat man die ganze Nacht durchgearbeitet.

Dabei ist das ma so wichtig. Was wäre Mozarts Musik ohne die Pause, was der Film, insbesondere der japanische, die Werke von Ozu Yasujiro, ohne sie???

Japanische Manzai (Bühnenpossen, meist von einem Akteur durch Worte vorgetragen) sind langweilig, wenn das ma schlecht ist (ma ga warui), dann hat man Pech gehabt, dann sitzen die Pointen nicht und keiner lacht. Die komischen Geschichten, die da vorgetragen werden, dürfen nicht zu schnell und nicht zu langsam dargeboten werden, der richtige Rhythmus und die richtigen Pausen, damit steht und fällt die Vorstellung. Wenn man es drauf hat und das Publikum an der richtigen Stelle lacht, dann hat man das ma recht gut genommen, ma no torikata wa ii / yokatta.

Und wenn man ein ma ausbreitet (hirakeru) dann lässt man jemandem oder etwas Raum. Dadurch, dass die thematische Ausstellung über Robert Kochs Triumpfzug in Japan 1908 sich noch etwas hinzieht, konnten wir jemandem, nämlich Frank Merten ein ma hirakeru / Raum lassen. Und so kam diese Ausstellung zustande, die schon lange ins Auge gefasst war, für deren Realisierung aber stets der unmittelbare Anlass fehlte.

Ein Zwischen ist immer ein Etwas, was nicht mehr ganz hier und noch nicht ganz dort ist. Vielleicht auch wirklich eine Pause, ein Innehalten zur Orientierungssuche. Womöglich haben auch Sie zu Beginn dieses Jahres ganz stark das Gefühl, dass wieder einmal alles in Bewegung geraten ist, sich alles rasant verändert, mal erhofft, mal schockartig, mal freudig, mal schmerzlich, unter einem Bein wird der Boden weggespült und auf der anderen verfestigt er sich. Da machen sich Pausen gut, Pausen, in denen man bewusst aus dem Gewohnten heraustritt und eine Draufsicht wagt, während man sich auf Möglichkeiten einschwingt.

Frank Merten hat sich auf den Weg gemacht, weg von dem noch Hier auf der Suche nach dem Dort. Wenn der Weg das Ziel ist, dann ist er jetzt genau da, wo wir ihm begegnen. Wie wirkt das auf Sie?

Frank Merten: das waren für mich bisher Stadtbilder, Akte, Vielfarbiges, Komprimiertes, auf eine verwirrende Art auch Schmerzlich-Zerstörerisches, das alles Reine, Schöne in einem Kampf mit Ecken und Kanten gleich wieder verzerrt.

Inzwischen hat er vier Jahre lang den Pinsel geführt bzw. sich von Frau Shimon oder einem wie auch immer gearteten Es den Pinsel führen lassen, mit viel Talent, wie mir bestätigt wurde, als hätte er zumindest in einem früheren Leben bereits mit Japan zu tun gehabt. Jahrelange kalligraphische Übungen haben vielleicht eine gewisse Ruhe und andersartige Tiefe einkehren lassen in seine Arbeiten, sind in ein flächiges Spiel mit dominanten, klaren Farben und Formen übergegangen. Nun gänzlich flächig und gleichzeitig klarer, ja auch freundlicher, wie ich finde.

An einem Kalligraphiekurs teilnehmen heißt lernen, nachahmen, immer wieder üben unter Anleitung eines Lehrers nach dessen Konzept. Frank Merten hat durchgehalten, hat ein halbes Jahr lang oder länger immer wieder das Zeichen für „Ewigkeit“/ ei geschrieben, dann Zeilen von Mori Ogai und zuletzt mit dem Pinsel Gedichte von Kaneko Mizusu, die ebenfalls hier ausgestellt waren. Wer es in den Kursen unserer Kalligraphie-Lehrerin Suiko Shimon soweit bringt, kann stolz sein. Doch Kurs ist Kurs und Kunst ist Kunst. Was passiert, wenn man sich allmählich von der Schulbank entfernt und eigene Wege sucht?

Zwischen – was ist das, was sich da angefangen hat zwischen Malerei und Tusche abzuspielen, wie beeinflusst das eine das andere?

Lauschen wir dem Dialog mit unseren Augen.

Oder vielleicht doch zuerst dem Künstler, zu dessen Begrüßung ich überleiten möchte mit einem Gedicht, das in meiner Studentenzeit über der Eingangstür meiner Wohnung hing, und das damals jeder kannte:
Abgewandelt könnte man es heute (eine heute Abend ganz wörtlich gemeinte) „Einladung zu einer Tasse Grüntee“ nennen:

Treten Sie ein
Legen Sie Ihre Traurigkeit ab –
Hier dürfen Sie schweigen.“
(Reiner Kunze: „Einladung zu einer Yasmintee“)


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