Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Mouvances – TAWARA Noriko

11.11.2007 bis 31.3.2008

Mouvance XXII (2006)
Mouvance XXII (2006)

Rede zur Ausstellungseröffnung

Die in der Mori-Ôgai-Gedenkstätte gezeigten kleinformatigen Acryl-Öl-Bilder entstanden während der Anfertigung eines Beitrages für die im Frühjahr 2007 im Geidai-Kunstmuseum Tokio veranstaltete Schau „Nach Paris! Der hundertjährige Traum japanischer Künstler der (westlichen) Ölmalerei“.

Als Frau Tawara und ihr Mann im Sommer 2006 die MOG besuchten, hatten wir sofort einen „Draht“ zueinander, wenngleich die Verständigung etwas über Kreuz ging, denn nur zwei von uns sprachen jeweils eine gemeinsame Sprache. Die merkwürdige Dreiecks-Sprachkonstellation Japanisch-Französisch-Deutsch haben wir bis heute beibehalten, und ich möchte an dieser Stelle dem Mann von Frau Tawara, Herrn Axel Grunwald, ganz herzlich danken für den schnellen und flexiblen Mailwechsel in deutsch in Vorbereitung dieser Ausstellung.

Als ich die Kataloge der früheren Ausstellungen anschaute mit vielen für Tawaras Werk typischen Washi-Collagen, wollte ich unbedingt eine Tawara-Ausstellung in Berlin realisieren. Frau Tawara war in diesem Jahr 2007 durch verschiedene bedeutende Kunstausstellungen sehr herausgefordert. Neben der Einzelausstellung im Imai-Bijutsukan in Shimane, von der uns ein wunderbarer Katalog vorliegt, wäre vor allem die ungeahnt erfolgreiche Jubiläumsausstellung der Tokyoter Kunsthochschule „Nach Paris – der hundertjährige Traum japanischer Künstler der (westlichen) Ölmalerei“ zu nennen, in der Frau Tawara, als namhafte Absolventin eben dieser Hochschule, einen eigenen Ausstellungsbereich erhielt. (Diese Ausstellung wurde täglich von bis zu 12 000 Menschen besucht.)

Die hier heute in vergleichsweise familiärer Umgebung zu eröffnende Ausstellung ist sozusagen ein Beiprodukt der Vorbereitung für die große Tokioter Ausstellung. Ich muss zugeben, am Anfang war ich etwas unsicher ob des Themenwechsels, denn ich hatte mich auf Washi-Kompositionen eingestellt. Doch ist letztlich jede Ausstellung ein Risiko – bis sie denn hängt, und dann ist sie in der Regel ohnehin etwas völlig anderes, als man sich vorgestellt hat.

Ich hoffe auf Ihr Verständnis, wenn ich mich jetzt nicht zu den Bildern selbst äußere. Sie hängen erst seit gestern und ich nehme mir die Freiheit, sie erst einmal in Ruhe auf mich wirken zu lassen, wozu ich auch Sie auch herzlich einladen möchte, vor allem aber, den heutigen Abend zu nutzen und sich mit der Künstlerin darüber zu verständigen. Ich möchte Frau Tawara gern zitieren, mit dem, was sie selbst zu ihren Bildern sagt und was sie auf den ausliegenden Flyern auch nachlesen können:

Zu meinen Mouvances

Der moderne Kalligraph tränkt seinen Pinsel mit Chinatusche derart, dass manchmal ein Tropfen auf die Oberfläche fällt, noch bevor der Pinsel mit ihr in Berührung kommt. Das ist ein geduldeter Nebeneffekt. Manche Meister suchen ihn speziell und verwenden ihn für bestimmte Werke sogar als dominierende Gestaltungstechnik.

Bei meinen Arbeiten mache ich solche « Tröpfelei » – unter Verwendung von Farben – zum Prinzip. Das erfordert Konzentration und Formwillen. Die Bilder entstehen im Zusammenspiel von innerer und äußerer Bewegung, aus sanften und gleichzeitig energiegeladenen « Mouvances ». Jede Tropfspur ist kontrolliert und im Hinblick auf das visuelle Ergebnis beabsichtigt, bei kleinen Formaten nicht weniger als bei großen.

Es geht mir, ebenso wie bei der Verwendung anderer Materialien, stets um die gleiche Suche nach gespannten Kontrasten zwischen den Farben, den Formen, zwischen Hell und Dunkel, Linien und Flächen, Vagheit und Schärfe, Fülle und Leere, aber insgesamt ausgewogene Bildkomposition. Unter Ausschluss alles Gegenständlichen.

Meine Malerei steht somit nicht in der Traditionslinie von Tachismus, Informel oder Automatismus – Unbewusstheit und Willkür liegen mir beim Malen fern. Sie ist andererseits auch nicht narrativ und nicht beschreibend, erhebt nicht den Anspruch, unserer Gegenwart den Spiegel vorzuhalten. Es ist eine eigene nicht-figürliche Domäne.

So Tawara Noriko über ihre Arbeiten. Statt eines kunstwissenschaftlichen Exkurses, zu dem ich mich nicht berufen fühle, möchte ich Sie jetzt gern an ein paar inneren Streiflichtern teilhaben lassen, mit denen ich mich als Japanologin besser auskenne.

Im Jahresprogramm der MOG gibt es einen Wechsel von thematischen Ausstellungen und Kunstausstellungen. Selbst die Kunstausstellungen finden letztlich nicht allein um der Kunst willen statt, sondern weil sie für uns ein Anlass sind, Seiten unseres spirtus loci Mori Ogai vorzustellen, für die in dem engen Ausstellungsflur wie für so vieles andere eben kein Platz ist.

Ich habe im Vorfeld der Eröffnung einmal sinniert, in welchem Kontext diese Ausstellung steht, bzw. welche Querverbindungen zwischen Tokyo-Paris-Berlin oder Tawara-Kunst-Ogai uns vorausgegangen sind, abgesehen davon, dass seit Sonntag „die schönen Franzosen“ [= in der Neuen Nationalgalerie ausgestellte Meisterwerke französischer Kunst des MoMA NY]Berlin verlassen haben und wir dem Bild gern noch einen japanisch-französischen Farbtupfer hinzufügen möchten, damit das Gebilde nicht erstarrt, sondern in Mouvance, in Bewegung bleibt. Gestatten Sie, dass ich Sie ein wenig an meiner Gedankencollage teilhaben lasse.

Noriko Tawara stammt aus der Präfektur Shimane, wie auch der Dichterfürst Ogai. Wenn Mori Ogai, der als Militärarzt bis zu seinem Ende im Dienste seines Staates gestanden hat, in seinem Testament, das Sie am Eingang des Gedenkzimmers als Kupfertafel finden, schreibt, dass er in der Stunde seines Todes alle äußeren Ehrungen von Seiten der Armee und des Staates ablehnt und als bloßer Mori Rintaro (mit seinem bürgerl. Namen, Ogai ist sein Pseudonym) aus der Provinz Iwami (der alte Name für Shimane) begraben sein möchte, dann ahnen Sie vielleicht, wie man ein Leben lang mit solch einer Herkunftsgegend verbunden bleibt, ganz gleich, wo man später lebt – Ogai ist offiziell nie mehr an seinen Geburtsort zurückgekehrt und doch starb er als Mensch „aus Iwami“. Wie offen sich Noriko Tawara auch in der europäischen Kunstszene bewegt, ja diese mit prägt, es war nie ihre Absicht, die Wurzeln ihrer Herkunft abzustreifen, gerade die Erfahrung beider Welten vereinigt sich in ihrer Kunst zu einer eigenen Symbiose.

Mori Ogai hatte sein Leben lang Umgang mit Künstlerfreunden. Während seines Deutschlandaufenthaltes 1884-88 ging er in München im Atelier von Gabriel Max ein und aus. Sein Freund Harada Naojiro war eng mit dem bayerischen Maler Julius Exter befreundet. Von Berlin als Kunststadt hielt er nicht so viel.

In einem Artikel über Harada Naojiro und seine Erinnerungen an die Deutschlandzeit schreibt er: “Es war in der Stadt München, in der ich Harada das erste Mal traf. Die Künste waren im südlichen Deutschland erblüht, im Gegensatz zu dem militärgeprägten nationalen Gebilde des Nordens.“

Ogais Leben in Berlin war generell viel kühler und militärischer als im in jeder Hinsicht, vor allem menschlich wärmeren Süden, was Leipzig und Dresden einschließt. Hier in Berlin war er hervorragend deutsch sprechendes Werkzeug seiner Vorgesetzten. Jüngeren Japanern, die nach ihm in Berlin weilten, wie Ueda Bin, empfahl Ogai in der Alten Nationalgalerie (mit ihrer Sammlung impressionistischer französischer Maler) vor allem die Werke von Böcklin und Uhde. Auch Kunstskandale hat er hier miterlebt. Er kannte sich also in der Berliner Kunstwelt aus.

Hier in Berlin hat Ogai angefangen Französisch zu lernen – das war nötig, wenn man damals in den gehobenen Kreisen der deutschen Hauptstadt verkehren wollte.

Auf seiner Rückreise nach Japan 1888 – sein Schiff legte in Marseille ab – weilte er einige Tage in Paris. Dort spielt seine Erzählung „Hanako“

Hanako – war der Künstlername einer jungen japanischen Schauspielerin, die zu Beginn des Jahrhunderts mit Erfolg in Amerika und Europa aufgetreten ist und welche die Aufmerksamkeit des französischen Bildhauers Auguste Rodin auf sich gezogen hatte (1906). Ogai hat in der japanischen Presse über deren Begegnung gelesen und daraus diese kurze Geschichte gesponnen, die 1910 veröffentlicht wurde. Ogai gibt auf wenigen Seiten eine pointierte Beschreibung der subtilen Interferenzen zwischen der inneren und der äußeren Natur des menschlichen Wesens. Ogais Hauptfiguren, Rodin und Hanako, sind meisterhaft gezeichnet. Kubota, ein japanischer Medizinstudent ist derjenige, der die beiden zusammenbringt.

Rodin, der überragende Künstler, kann unter die Oberfläche schauen. Der Besitz dieser Fähigkeit macht ihn bei Ogai zu einem “superior man“.

Übrigens soll Hanako 1914 während des 1. Weltkrieges mit dem Ehepaar Rodin nach London emigriert sein, so eng war diese französisch-japanische Liaison.

Die kreativen Krisen des Künstlers, der innere Kampf, aber auch ästhetische Betrachtungen finden sich in einigen von Ogais Werken wieder, z.B. in dem unvollendeten Roman „Seinen / Jugend“, in dem die Hauptfigur den Hermaphroditen zum ästhetischen Ideal kürt. Alle ästhetischen Betrachtungen stehen in engem Zusammenhang mit Ogais Lehrtätigkeit an der Tokioter Kunsthochschule, an der auch Noriko Tawara, freilich viel später, ihre Ausbildung nahm, bevor sie 1964 als erste japanische Malerin über ein Stipendium des französischen Staates nach Paris kam – und blieb.

Knapp ein Jahr nach seiner Rückkehr aus Deutschland, am 24. Juli 1889 wurde Ôgai, der ja im Hauptberuf Militärarzt war, zum Teilzeitlektor für Kunstanatomie bzw. plastische Anatomie an der Kunsthochschule Tôkyo ernannt. 1895 musste er wegen der Teilnahme am Japanisch-Chinesischen Krieg pausieren. Doch zwischen 1898 und 1899 war er wieder für jeweils zwei Stunden in der Woche als Teilzeitlektor an der Kunsthochschule tätig. Seine gegen 1897 entstandene Abhandlung „Geiyô kaitai gaku“ (Über plastische Anatomie) hat Ôgai aus den Protokollen seiner Vorlesungen an der Kunsthochschule zusammengestellt. (Zenshû 33. Bd.)

Ich möchte sie nicht allzu langweilen, aber neulich habe ich in dem vom JDZB herausgegebenen Band „Brückenbauer“ noch einen interessanten Bezug gefunden: Die erste Frau überhaupt, die an besagter Tokyoter Kunstschule (heute Geidai, Kunsthochschule Tokyo) studierte, war eine Deutsche, nämlich Lagi (jap. Name Ranko), die Tochter des ab 1920 deutschen Botschafters in Japan Wilhelm Solf (gleicher Jahrgang wie Ogai 1862-1936), der auf dem Invalidenfriedhof hier ganz in der Nähe beerdigt ist. Lagi soll dieselbe Schuluniform wie die männlichen Studenten getragen haben und kam mit Schnürstiefeln zur Schule. (In der Nazizeit nach dem Tod Solfs, welcher Juden, Mischlingen und Nazigegnern geholfen hatte), wurden Lagi und ihre Mutter ins KZ Ravensbrück verschleppt. Sie überlebten angeblich nur durch Intervention des japanischen Botschafters.

Sie merken, der Boden hier ist geradezu getränkt mit historischen Bezügen, die ich jetzt aber nicht weiter verfolgen will.

Zurück zu Ogai: Ogai hat nicht nur bedeutende französische Schriftsteller wie Zola übersetzt, seinem jüngsten Sohn gab er den Namen Louis und alle seine Kinder aus zweiter Ehe haben lange Zeit in Paris gelebt. Seine Tochter Mari war neben ihrem eigenen Schaffen Übersetzerin für französische Literatur. Paris war bei weitem nicht nur der Traum der Maler, die europäisch malten, er hat auch die ganze Familie Ogai ergriffen. Eine Enkelin von Ogai, Riyo, lebt dort noch immer, ist mit einem französischen Physiker verheiratet.

Die Liste der Bezüge von Noriko Tawara, japanischer Kunst in Paris, der Geidai in Tokyo, Berlin und Ogai ließe sich noch weiter fortsetzen. Doch wollen wir den Bereich der Traditionen und Geschichten verlassen und uns den Bildern zuwenden. All denjenigen, die mit dem Oeuvre von Noriko Tawara bereits vertraut sind, zeigen diese Tupfenbilder sicher eine ganz neue überraschende Facette. Denjenigen, die ihren Werken heute zum ersten Mal begegnen, möchte ich raten, auch einmal die Ansichtsexemplare der wunderbaren Kataloge der Ausstellungen im Imai Kunstmuseum in Shimane und den der Ausstellung 1999 in Paris anzuschauen. Wenn Sie in der Mappe einmal die Liste ihrer Einzel- und Gruppenausstellungen anschauen, dann werden Sie merken, dass wir allein mit den insgesamt vorhandenen Katalogen eine Buchausstellung hätten einrichten können.

Es gibt in Japan ein Sprichwort: Rui wa tomo wo suru. Das heißt soviel wie, man sucht sich Freunde immer im selben Rudel. So ist es sicher nicht verwunderlich, dass sich, nachdem für die Ausstellung bereits alles abgesprochen war, herausstellte, dass wir gemeinsame Freunde haben. Eine solche Freundin ist Mari Kazue, ebenfalls wohnhaft in Paris. Ich fand, ihr Tanzstil und die Bilder von Noriko Tawara haben einen ähnlichen Bewegungssinn, den es ja als 8. Sinn tatsächlich geben soll.

Ich möchte Sie bitten, sich um 20. 30 Uhr wieder in diesem Raum einzufinden für die Performance von Mari Kazue, für ihre tänzerischen Variationen zu den Bildern von Noriko Tawara.

Ich wünsche uns allen noch einen angenehmen Abend. Wenn Sie hier gute Eindrücke gewonnen haben, dann geben Sie diese bitte ihren Freunden weiter und erzählen Sie ihnen von den Bewegungen in einem von Berlins „hidden places“.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei Frau Suiko Shimon und den Teilnehmern des gestrigen Ikebana-Kurses bedanken, die uns die Räume herbstlich geschmückt haben. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Und ich danke vor allem dem Mittelpunkt des heutigen Abends: Noriko Tawara

Besuchen Sie auch die Homepage von Noriko Tawara


"Die schönen japanischen Franzosen" in Humboldt, 3/2007, S. 10
„Die schönen japanischen Franzosen“ in Humboldt, 3/2007, S. 10

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