Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Garten/Niwa – YAMASHITA Tamiko

Textilkunst 3.3. bis 12.5.2000

NIWA

Aus der Einführung

Das erste, was Sie und ich von dieser Ausstellung gesehen haben, war ein Stein. Der Stein auf der Einladungskarte, mit der wir Sie heute hierher gelockt haben. Was war wohl Ihre erste Empfindung?

Als Tamiko Yamashita und ich vereinbarten, nach nunmehr zweijähriger Pause seit ihrer Ausstellung Fadenspiel – ito no tawamure hier in der Gedenkstätte erneut ihre Werke zu zeigen, schlug sie das Thema Garten vor. Ein Garten würde der uns umgebenden Betonwüste aus nimmer endenden Baustellen ganz gut tun. Eine Oase schaffen, einen Ort der Besinnung, zum Innehalten, zum Staunen, zum Sammeln, um den Moment zu nutzen, die gewohnten Dinge mit anderen Augen zu sehen, den Betrachter aus der gedankenvollen Geschäftigkeit dieses fragmentarischen Regierungs-Viertels herauszureißen und zu einer sinnlichen Erfahrung zu verhelfen. Es sollte kein Zen-Garten und dennoch ein japanischer Garten werden, ein ganz eigenwilliger Yamashita-Garten aus Seide, Seilen, Wolle, Vlies. Das Thema ìGartenî würde ebensogut zu Japan passen, wie die Verführung ins Reich der Phantasie und Kreativität zu Mori Ôgai, dem Vermittler zwischen Japan und Deutschland, an den wir hier mit dieser Gedenkstätte erinnern und dessen Vermächtnis wir uns verpflichtet fühlen. Die Vermittlung zwischen zwei Welten, zwei Kulturen, wie sie Mori Ôgai vor über 100 Jahren in eher sachlicher Weise mit den Mitteln der Sprache, des Wortes , als Mann und Übersetzer versuchte, diesen Faden spinnt die Künstlerin Tamiko Yamashita weiter und entführt uns in eine Welt der Phantasie, aus der wir gleichsam wie von einer Reise zurückgekehrt, unsere eigene Alltagswelt anders, hoffentlich ein wenig offener und spielerischer wahrnehmen.

Wer nun also eine üppige Oase erwartet hatte, bekam zunächst als Einladung einen Stein. Also würde es doch ein Steingarten werden? Aber nimmt man denn in einem Steingarten einzelne Steine wahr? Die Steine von Tamiko Yamashita sind nicht einfach Steine. Sie haben ein Gesicht, wenn man sie genau betrachtet und nach eigenen Assoziationen sucht, sogar jeder eine Geschichte. Sie sind mit Wolle oder Seide umwickelt aus ihrer Anonymität herausgeholt, jeder Stein etwas ganz besonderes, jeder handgefertigt, jeder einzig. Es gibt Steine in allen Größen und allen Farben und gerade die Verschiedenheit macht die massenhafte Ansammlung interessant. Wir haben grüne Moossteine, die an den Kokedera (Moostempel) in Kyoto erinnern, große, weiße, leuchtende Steine,wie in den Marmorsteinbrüchen in Carrara, gelbe unscheinbare und dunkle, durch die nur noch ein Hauch des weichen, weißen Innenlebens hindurchscheint.

Schon beim Anblick der Einladungskarte wird man des Grundprinzips im Schaffen von Tamiko Yamashita gewahr: Sie beherrscht den scheinbar spielerischen Umgang mit dem Material. Sie liebt es, alles Gewohnte gegen den Strich zu bürsten, in das Gegenteil zu verkehren, auf den Kopf zu stellen. Oder haben Sie jemals so weiche und sanfte Steine gesehen? Auf den ersten Blick sind es zweifellos Steine. Dann nimmt man den weichen Inhalt aus Vließ wahr, der durch die begrenzenden, einengenden Fäden erst seine wahre Gestalt und Bedeutung gewinnt. Doch selbst der verfestigende Formgeber ist nicht steinhart. Die Fusseln der Wollfäden wirken eher wie Sensoren, winzige filigrane Greifarme, die nach außen tasten. Und plötzlich sind es keine Steine mehr, sondern eher Urtiere, Wirbellose, Meeresbewohner. Und wenn wir uns eben noch auf der Erde befunden haben, dann sind wir ohne es zu bemerken in die Unterwasserwelt eingetaucht, von Flora in Fauna übergegangen. Was eben noch wie ein Bäumchen aussah – weil es so auf dem Schild daneben geschrieben steht – ist plötzlich ein Krake mit Fangarmen oder eine Seeanemone, um bei den Pflanzen zu bleiben. Die Bäume aus der Oase verwandeln sich plötzlich in Seerosenblätter und wir fühlen uns, als würden wir im klaren Wasser tauchen und vom Wasser getragen werden auf unserer Entdeckungsreise. Alles wirkt so spielerisch leicht. Doch eh man zu dieser unendliche Leichtigkeit des Seins gelangt, müssen viele Lern- und Lebensschulen durchlaufen werden.

Am Anfang war die Musik. Nach dem Abschluß ihres Studiums an der Musashino-Musikhochschule Tokyo in den Fächern Gesang und Musikpädagogik studierte Tamiko Yamashita dann bis 1971 an der Tokyoter Mode-Akademie Mode-Design. Seit 1972 lebt sie in Berlin, wo sie 1975 ein Studium der Bildweberei und später für Mode-Design an der Hochschule der Künste aufnahm, um seither japanische und europäische Traditionen zu ganz eigenen Kreationen miteinander zu verweben. Seit 1980 ist sie Mitglied der Künstlerinnenvereinigung GEDOK und hat im selbem Jahr ihr eigenes Mode- und Textilatelier eröffnet. Auf zahlreichen Ausstellungen in Deutschland, den Niederlanden, Ungarn, Polen und Italien hat sie ihre Werke vorgestellt und ist mit Preisen bedacht worden.

Schon in der vorangegangenen Ausstellung Fadenspiel spielte das Motiv des Seiles eine zentrale Rolle. Sie hat dieses Motiv auch diesmal wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Die Bäume in Tamiko Yamashitas Garten sind aus Seilen hergestellt. Die aus dem Shintoismus stammenden Bannseile (shimenawa) markieren in japanischen Schreinen Räume des Heiligen, die unter keinen Umständen verletzt werden dürfen. Sie weisen zurück um zu bewahren. Da Zurückweisung und Verteidigung viel Kraft erfordern, sind die starken Seile ein passendes Symbol für diesen Akt. Aber Tamiko Yamashita beläßt es nicht dabei; sie verwandelt unüberwindliche Härte in Sanftheit, sie tröselt das Seil auf, es geht in ein fächerartiges filigranes pflanzenartiges Gebilde über, das wie ein Dach Schutz bietet vor dem Einfluß allzu greller Strahlen, wie sie heute über das Ozonloch hinaus in jeder Hinsicht über Medien und Marktgeschrei auf uns einwirken. Das Seil, solchermaßen versinnlicht, muß wieder verfestigt werden, um auf andere Weise, in einer neuen Form zu schützen, also wird der Zustand lebendiger Fasern wieder mit Leim gebannt, verewigt. Das Starre erinnert an den versteinerten Urvogel oder die versteinerte Seelilie im Holzmanen-Museum bei Stuttgart, von denen sich Tamiko Yamashita zu ihren Bäumen anregen ließ. Die Spannung erwächst gerade daraus, daß bei aller Verfestigung die Beweglichkeit und die Formveränderung des verarbeiteten Stoffes erhalten bleibt. Bis zur Baumkrone hat das Seil nun einige Metarmorphosen erlebt und ist an seinem Ende angelangt, erstarrt, scheinbar entwicklungsunfähig – da entdecken wir inmitten der Steine am unteren Ende einen Seil-Keim, der sich aus er Erde emporreckt wie der junge Bambus in dieser Jahreszeit. Also ist noch lange nicht Schluß. Immerwährende Entwicklung. Welch Trost in dieser zerstörerischen Welt.

Diese Metarmorphosen, das Ineinander-Übergehen von Farben und Formen, das Verschlungen- , Getrennt- und Verbunden-Sein, wie in den rotschwarzen Bäumchen, die Auflösung der Gegensätze, wie von hart und weich bei den Steinen, in einer spielerischen, humorvollen Art sind immer wiederkehrende Motive in Tamiko Yamashitas Arbeiten. Wer sich darauf einläßt, dem entgeht das provokaten, leichte Augenzwinkern nicht, mit dem sie uns von der gewohnten Wahrnehmung weglockt.


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