Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

IROHA – Kalligraphien zu einem poetischen Pangramm

Ausstellung von Studenten des Kurses von Frau Suikô Shimon

4.11.2010 bis 30.3.2011

Poster: Jenny Marquardt, Kalligraphie: Yu Nishio

Desweiteren waren an der Ausstellung beteiligt:
Mathias Anders
Asako Cuno
Aurele Destaillevr
Eva Geiger
Simon Hauser
Susanne Herrmann
Andrea Klann
Frank Merten
Lydia Schauß
Suikô Shimon

Die Ausstellung fand im Rahmen von 150 Jahre Deutschland – Japan statt.

poster Iroha 1.klein
poster Iroha 2.klein


Geschichtliches

Die Blütezeit der von Hofdamen verfassten klassischen Literatur der Geschichten vom Prinzen Genji der Murasaki Shikibu oder des Kopfkissenbuchs der Sei Shonagon war das 8. bis 12. Jahrhundert. In dieser Epoche entstanden neben Tagebucherzählungen auch Gedichtanthologien wie die Sammlung von zehntausend Blättern (Man‘yô shû) und die Sammlung japanischer Lieder aus alter und neuer Zeit (Kokin waka shû). Da das als Sprache der Gebildeten dienende klassische Chinesisch als “männlich” galt, verwendeten Hofdamen eine elegante Silbenschrift, die “Frauenhand” (onna-de) – die noch heute gebräuchlichen „kursiven Schriftzeichen“ 平仮名 (hiragana).
Das Alphabet der Hiragana beginnt mit den Vokalen a-i-u-e-o — einer phonetischen Aneinanderreihung und Ordnung der Silben a, ka, sa, ta, na, ha, ma, ra, ya, i, ki, shi, chi, ni usw. Doch leichter erlernt sich ein solches Alphabet, wenn man chinesische Schriftzeichen anstelle der phonetischen Zeichen als Bedeutungsträger einsetzt, sie in einen poetischen Zusammenhang bringt und auf diese Weise einen Übungstext in Gedichtform schafft!
Wenngleich die Autorenschaft fraglich ist, gilt der buddhistische Mönchsgelehrte Kûkai (774-835) gemeinhin als Dichter dieses klassischen Übungstextes, des „I-ro-ha-Liedes“ (erster Nachweis 1079):

色はにほへど 散りぬるを
我が世誰ぞ 常ならむ、
有為の奥山 今日越えて
浅き夢見じ 酔ひもせず

In der gebräuchlichen Hepburn-Umschrift:

iro-wa nioe-do chirinuru-wo
wa-ga yo tare-zo tsune naramu,
ui-no okuyama kyô koe-te
asaki yume miji ei-mo sezu

Es handelt sich um ein echtes Pangramm, d.h. jede Silbe des Alphabets taucht einmal auf, beginnend mit I-ro-ha. Für lateinische Buchstaben mit Umlauten ist das in unserem Sprachraum bislang nicht vollständig gelungen. Es gibt lediglich Versatzstücke, wie sie früher zur 10-Finger-Übung an der Schreibmaschine oder als Test von Fernschreibverbindungen benutzt wurden, z.B. „Welch fieser Katzentyp quält da süße Vögel bloß zum Jux?“ (46 Buchstaben).
Wie viel poetischer klingt da das vollständige I-ro-ha-Lied, selbst in Rohübersetzung:

Blüten, wie lieblich euer Duft
und schon seid ihr verstreut…
Welches unter den Wesen dieser Welt
wäre ewig?
Die fernen Berge eitlen Strebens
heut überschreitend
Werd keine seichten Träume mehr schaun
und nicht trunken sein

色 (iro) „Farbe“, ist Synonym für Blüten, auch für Schönheit, Eros und Liebe, die Welt der Erscheinungen. Grundtenor dieses Gedichts ist das buddhistische Gedanke der „Vergänglichkeit“ 無常(mujô), Flüchtigkeit, Unbeständigkeit, Wandelbarkeit aller „Mitwesen“ (mono), alles Seienden. Es vereinigt eine einfache Gefühlsäußerung mit der Weisheit des indischen Nirvana-Sutra.
Im Laufe der Jahrhunderte gab es Spekulationen, dass Kûkai Geheimnisse oder Botschaften in den Zeilen versteckt habe. So interpretierte man im 18. Jahrhundert die durch eine andere graphische Darstellung von oben nach unten gelesenen Zeilenanfänge to-ka-na-ku-te-shi-su entsprechend dem Ehrenkodex des Samurai-Standes: „Ohne Fehler sterben“.
Eines der meist gespielten Kabuki-Stücke über den Racheakt der 47 Samurai ist das 1748 uraufgeführteKanadehon Chûshin Gura. Ein Kanadehon ist ein Übungsbuch für Hiragana. Der Titel bezieht sich also auf das I-ro-ha, denn es treten ebenso viele Samurai auf, wie das Gedicht Silben hat.
Im Jahr 1937 wurde das I-ro-ha-Lied als Chor für vier Stimmen im Auftrag der buddhistischen Shingon-Schule von dem Komponisten NAGAI Kôji (1874-1965) vertont.
Besonders in der Taishô-Zeit (1912-1926) gab es weitere Versuche, die Silben des Hiragana-Alphabets in einer anderen Reihenfolge, in einem anderen poetischen Zusammenhang als Gedicht wiederzugeben. Diese haben sich aber nicht durchgesetzt.

I-ro-ha Karuta

Das I-ro-ha-Gedicht als Alphabet wird, ähnlich den Hundert Gedichten von hundert Dichtern, heute auch in den familiären Neujahrsbräuchen als Kartenspiel tradiert. Auch hier wird eine Karte mit einer Silbe gezogen. Wer ganz schnell ein Sprichwort auswendig aufsagen kann, das mit dieser Silbe beginnt bzw. die Karte mit diesem Text entdeckt, darf das Paar behalten. Gewinner ist, wer am Ende die meisten Karten hat. Deckt der Spielleiter zum Beispiel die Karte mit dem Zeichen い (i) auf、dann müssen die Mitspieler das dazugehörige Sprichwort „Inu mo arukeba bô ni ataru“ 犬も歩けば棒に当たる „Auch ein Hund braucht nur umher zu laufen, schon stößt er auf einen Stock“ (also das sprichwörtliche blinde Huhn, das auch mal ein Korn findet) aus dem Kartenhaufen herausfischen und aufsagen.

Iroha heute

Als Ordnungssystem findet man das I-ro-ha-Alphabet heute noch z.B. in den Zuschauerräumen des klassischen Theaters: In den alten Noh- oder Kabuki-Theatern sitzt man nicht in Reihe 1 oder 3, sondern in Reihe い (i) oder は (ha) etc. Auf der Straße von Nikkô zum Kegon-Wasserfall, einem japanischen Pendant zur Romantischen Straße, sind alle Kurven mit den 47 Zeichen des Iroha-Liedes durchnumeriert.
Eine weitere Besonderheit ist für das musikbegeisterte Japan erwähnenswert: I-ro-ha versteckt sich dort in den Tonleitern und Tonarten, allerdings mit ha beginnend, i-ro kommt am Ende. Statt c-d-e-f-g-a-h-c steht dann gelegentlich auch ha-ni-ho-he-to-i-ro-ha. Entsprechend ist c-Dur dann ha-chôchô, d-Dur ni-chôchô und Bachs h-Moll-Messe „Bahha ro-tanchô missa“.
Verschiedene Arten von Tûrvorhângen (noren), aber auch Kimono, Keramiken, Bilder bis zu Gardinen mit den für ihn typischen I-ro-ha-Motiven werden in den Museen des Künstlers SERIZAWA Keisuke (1895-1984) in Shizuoka und Sendai gezeigt – bis heute beliebte Gastgeschenke.
I-ro-ha hat im japanischen Alltag einen gewissen nostalgischen Klang. Nach Auskunft älterer Japaner ist es so etwas wie eine Brücke in eine vergangene Zeit, die Kindheit, das Leben der Altvorderen, das so ganz anders war als das heutige, und dem man sich emotional verbunden fühlt. I-ro-ha steht für Tradition schlechthin.
Umgangssprachlich ist I-ro-ha inzwischen Synonym für vieles, was mit „Know how“ zu tun hat. Gibt man in japanischen Internet-Suchmaschinen „Iroha“ ein, stößt man auf eine Vielzahl von Seiten wie Kimono no iroha (Einführung in die Kunst des Kimono), Kurasshikku ongaku no iroha (Grundwissen der klassischen Musik) oder Pasokon no iroha (Know how des PC).

"Blüten, wie lieblich euer Duft. Ausstellung von Kalligraphien" in Humboldt, 17.2.2011, S. 8
„Blüten, wie lieblich euer Duft. Ausstellung von Kalligraphien“ in Humboldt, 17.2.2011, S. 8

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