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Kewpie-connection: Manne Ständer geht in den Unruhestand

Manfred Ständer, der Ohrdrufer Partner der Kewpie-connection ging am 1.7.2019 in den Ruhestand. Die Thüringer Zeitungen berichteten ausgiebig über den langjährigen Kulturamtsleiter ohne Amt. Eine Situation, die mir nur zu bekannt vorkommt.

Anfang Juli erreichte mich eine Mail von Misako Kitagawa aus Kyoto, die auf Facebook u.a. den Artikel in der Thüringer Zeitung über Manfred Ständer entdeckt hatte. Sie war ganz aufgeregt, ob mit Ständer-san etwas passiert sei, ob ich ihr nicht sagen könne, was in den vielen Artikeln auch anderer Zeitungen über ihn steht. Die natürliche Tatsache seines „Unruhstandes“ hatte am anderen Ende der Welt zunächst für Beunruhigung gesorgt. Nach Aufklärung der Tatsachen, wich sie einem Gefühl tiefer Dankbarkeit für jahrelange wunderbare enge Zusammenarbeit über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg.

Alles hatte mit einem Telefonat angefangen. Als ich 2006 einen weiteren Ausstellungsort für meine Ausstellung „Kewpie in Japan“ suchte, hatte ich stets den Geburtsort der Kewpie im Auge, doch lange rührte sich nichts. Bis ich Manne Ständer am Apparat hatte. Das war wie Pingpongspielen, die Chemie stimmte einfach. Zwei Enthusiasten hatten sich gefunden! Schnell hatten wir einen Termin für die Ausstellung im Ohrdrufer Rathaus, die Übergabe der Paneele und Exponate fand unkompliziert in der Tiefgarage in Weimar während einer ALG-Tagung statt.

Die Präsentation bekam dann später einen Platz im Schloß und führte zu einer Art Wiederentdeckung der Kewpie- und Puppentradition in Ohrdruf, die zu extra Räumen über die Geschichte der Puppentradition in Ohrdruf im erweitert wurde, gleich neben dem Bach-Zimmer. Ja, die Kewpies waren damals fast vergessen, außer bei Puppensammlern in USA und natürlich in Japan, wo die Kewpie überlebt hatten und bis in die Endsechziger Jahre sehr populär waren. Jeder kannte sie und wollte sie gern haben, in allen Größen. Allerdings dachte man dort, Kewpies seien eine japanische Erfindung. Darüber aufzuklären, dass die Kewpie-Geschichte eine interessante internationale Objektgeschichte ist, war Sinn und Zweck meiner Ausstellung an der MOG der Humboldt-Universität. Die „Mutter der Kewpies“ ist die Amerikanerin Rose O’Neill, die sie 1909 für Harpers Basar u.a. beliebte Zeitschriften in Amerika gezeichnet hatte. Ein deutschstämmiger Geschäftsmann gab ihr den Tipp, daraus Puppen herstellen zu lassen, und so kam sie nach Ohrdruf, bearbeitete die Modelle, die dann einen Kewpie-Hype auslösten, welcher allerdings mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges hierzulande leider wieder versiegte. Da der Export nach Japan zu kompliziert war, hatte man mit eigener Produktion begonnen, die dort bis heute anhält, wenn auch in geringerer Menge/Verbreitung seit es Micky Mouse, Kitty u.a. gibt. Es gibt in Japan sogar einen Kewpie-Fan-Club mit einer eigenen Zeitschrift, in der wir regelmäßig auch über Ereignisse ein Ohrdruf berichten.

Kazuo und Misako Kitagawa sind leidenschaftliche Kewpiesammler und –Produzenten in einem. Sie haben in Arashiyama/Kyoto ein kleines Museum, hatten vor ihrem Ruhestand mehrere Läden in Tokyo, Kobe, Osaka und produzieren nach wie vor Kewpies. An sie hatte ich mich gewandt mit der Bitte um Exponate für meine Ausstellung und sie auch mit Manne Ständer bekannt gemacht. Daraus entwickelte sich in den folgenden Jahren ein internationales Netzwerk mit einem regen Austausch: Kitagawas kamen mehrmals nach Ohrdruf, zuletzt mit einer ganzen Delegation japanischer Kewpie-Freunde und dem Enkel von Rose-O’Neill David aus USA. Sie spendeten großzügig sehr wertvolles Material für die Ausstellung im Schloss. Keine Frage, wie schockiert man in Japan über die Nachricht vom Brand war.

Da Manne schon als Olsenbanden-Ableger gehandelt wird: das dollste Ding, das wir zusammen gedreht haben, war unsere gemeinsame Teilnahme 2009 an der jährlichen Kewpiesta in Branson, dem internationalen Treffen der Kewpie-Fans in den USA. Manne und ich kamen dazu wie die Jungfrau zum Kinde. Kitagawas wollten, dass Ohrdruf dort präsent ist und baten mich mitzukommen, weil ich die einzige war, die Japanisch, Englisch und Deutsch, also zwischen den drei Nationen vermitteln konnte.
Ich habe noch heute das Bild vor Augen, wie Manne beim ersten Frühstück fast Tränen in den Augen hatte: mit Haselnußsirup übersüßte Kaffeeplörre, dazu aus mehreren Behältern Corn flakes u.a. bunte Zutaten für süßes Frühstück, das er verzweifelt „Vogelfutter“ nannte, einzige Alternative: Pappbrötchen mit einer Art Nutella. Das war zu viel für einen waschechten Thüringer. Er war kurz davor, sofort wieder nach Hause zu fliegen. Wie immer, hat sein Humor ihn auch über diese Hürde gebracht und am Ende ist sein Powerpoint–Vortrag mit der Filmsequenz vom historischen Seifenkistenrennen in Ohrdruf bei den Teilnehmern eingeschlagen wie eine Bombe. Viel Sympathien, die dazu führten, dass sich so mancher danach auf den Weg nach Ohrdruf machte. Was ich sagen will, er war nicht nur Kulturamtsleiter ohne den Titel, er war ein echter Kulturbotschafter. Was ihm an Fremdsprachen fehlte, machte er mit Begeisterung, Zuverlässigkeit und der Fähigkeit auf Menschen offen zuzugehen wieder wett.
Manne, die Zusammenarbeit mit dir war eine der besten!
Arigatô und thanks a lot auch im Namen der Kewpie-Freunde aus Japan und Amerika! Und natürlich besonders von der „Berliner Schaltstelle in Kewpie-Fragen“!
Beate


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