Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin / ベルリン森鷗外記念館・ベアーテ・ヴォンデ

Sushi in Suhl

Liebe Freunde,

am Mittwoch hatte ich mir nach dem Vortragsabend im Hauptmann-Museum eine Auszeit verdient, und mich entschlossen, Radio 1 folgend, am Abend in die Kulturbrauerei zur Premiere von „Sushi in Suhl“ zu gehen. War natürlich bei der Premiere ausverkauft, kam aber trotzdem rein. Die Geschichte ist mir ja nicht neu, aus DDR bzw. Liga für Völkerfreundschafts-Zeiten war mir Herr Anschütz ein Begriff. Ich hatte nie das Bedürfnis selbst dort einzukehren, dazu kannte ich das echte Japan besser nach 1,5 Jahren dort und hatte keinerlei Interesse an Pseudo-Japan.
Aber wenn wir mit dem Puppentheater PUK oder war nicht auch der NHK-Kinderchor dort (?), anders gesagt: wenn ich dolmetschenderweise mit Japanern in Thüringen war, dann wurden die Chefs meist in den „Waffenschmied“ eingeladen. Die Kommentare, die mir hinterher zu Ohren kamen, waren: „Er gibt sich Mühe, das Essen ging, die Bedienung mit tiefem Ausschnitt im Kimono wie billige Prostituierte in Japan“ und das gemeinsame Bad vor dem Essen – na das hatte schon gar nichts mit Japan zu tun und war den Japanern eher peinlich, es sei denn, sie hatten blonde junge Begleitung.

Und weil Herr Anschütz eben wohl wirklich ein etwas schräger Träumer war, war es folgerichtig, dass der Regisseur sich dafür entschied, die Geschichte als Märchen aus dem verschneiten Thüringer Wald zu erzählen. Das erlaubt es dann auch voll in die Klischee-Kiste zu greifen, ohne dass es stört, ist ja ein groteskes Märchen mit überhöhten Figuren, wobei die Bösen auch mal gut sein dürfen. Wenn ich mich recht entsinne, waren Sushi damals etwas ganz anderes, ging nur mit Zander, und das schmeckte mir nicht. Maki sushi mit Gurke und Ei schon eher. Wir kochten eher yasai itame oder stachen die Teigkreise für Gyoza mit dem Weinglas aus. Die Benutzung von Knoblauch war ja schon exotisch, ob nun mit oder ohne Soyasauce – die zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich schwierig zu beschaffen war. „Sushi“ ist also wohl eher als Reflex auf das zu verstehen, was man heute unter japanischem Essen assoziiert. Das 14Gänge-Menü, dass ich nach meiner Rückkehr für Freunde bis nachts um 2 Uhr kreiert habe, bestand kaum aus jap. Zutaten (Tempura u.a. bekommt man auch so hin), und doch war es für alle wie ein Ausflug in eine fremde Welt über die Geschmacksknospen der Zunge. Harald Hauswald schwärmt noch heute von diesem exotischen Erlebnis – das man sich heute vielerorts verschaffen kann.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich hab mich herrlich amüsiert. Vor allem wohl, weil die Rollen einfach ideal besetzt waren. Uwe Steimle scheint für diese Rolle geboren, Julia Richter schön und weiblich selbstbewusst als Ehefrau, Ina Paule Klink ist ja Thüringerin, auch Gen Seto endlich mal als Japaner fernab vom Yakuza image. Das Schöne war, selbst wenn es übertrieben war, stimmte es. Die Schauspieler stammen aus dem Osten, denen geht bestimmtes Vokabular ganz natürlich über die Lippen und oft genug muss man feixen, weil es einem längst entfallen ist. Die Figuren wirken auch mit ihren Macken sympathisch und man kann über sie und sich selbst herrlich lachen. Eh irgendwas weh tun könnte, ist man schon bei der nächsten Szene. Die HO steht natürlich für mehr als nur die HO – an so leere Büros kann ich mich nicht erinnern – aber da auch das alles mit Augenzwinkern gedreht wurde, akzeptiert man den Märchencharakter. Und wie das nun alles wirklich war, wie er in die Freundschaftsgesellschaft DDR-Japan berufen wurde (einfach so eintreten ging ja nicht), sich auch fördern ließ u.a. – das interessiert für den Märchenfilm nicht.
Besonders tiefsinnig ist das natürlich nicht, aber erfrischend ist auf alle Fälle, dass es mal ein Film über Lebensentwürfe in der DDR ist, jenseits von Ausreiseanträgen und Stasihaft, das hängt einem ja zum Halse heraus als Medien-Dauerberenner. Endlich mal ein Film über Leute, die nicht weg wollten und sich trotzdem etwas getraut haben, ihren Weg gingen und sich die große weite verschlossene Welt nach Hause holten.
Ein Fettnäpfchen hätte man sich sparen sollen: als Anschütz nach Japan eingeladen wird, wird das jap. TV eingeblendet mit der Nachricht, Herr A. sei vom Tenno empfangen worden. Das ist eine echte Entgleisung, und falls es Berater gegeben hat, dann hätten sie es dem Regisseur, der nach der Premiere ziemlich wirr auf der Bühne plapperte und wirkte, ausreden sollen. Das liegt so ungefähr auf der Ebene von Sullivans „Mikado“ um 1887, der schon damals exotisierend flach war und diplomatische Verwicklungen hervorgerufen hat.
Ansonsten fand ich es ganz sympathisch, wie man Steimle in Filmaufnahmen von Japan in den 1970ern/8oern hineinkopiert hat, das wirkte echt, bis auf die Ansage mit dem Tenno, zu dem schließlich nicht jeder vorgelassen wird.

Merkwürdigerweise kann ich die märchenechte DDR im Film durchaus akzeptieren, aber was man in den Feuilletons zu Anschütz liest oder wie er jetzt zum Helden gekürt wird, da kann einem schon der kalte Kaffee…, z.B. er wäre Japan-Spezialist gewesen…oder dass jetzt junge Frauen als Geishas verkleidet Stadtführungen in Suhl auf Anschütz’ Spuren unternehmen, man an dem Haus (das ja abgerissen ist) nun eine Gedenktafel anbringen will… Aber das sind die Perversionen der heutigen event-Zeit, nicht die der DDR.

Der Film ist ab o Jahre, also könnt Ihr ruhig mit Kind und Kegel hingehen. Viel Spass!

Der Produzent des Filmes ist übrigens ein Hesse, es wurde mit türkischer Unterstützung gedreht und Autos etc. hat Skoda gesponsert (nicht Japan) …

BW, Oktober 2012


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